Übertreibt Deutschland mit seinen Sicherheitsvorkehrungen?: AKTIV im Norden

Kommentar

Übertreibt Deutschland mit seinen Sicherheitsvorkehrungen?


Da kann man nur staunen. Eine Kerze für den Ostertisch trägt einen Aufkleber mit sage und schreibe 16 Sicherheitshinweisen, darunter „nicht brennend unter die Gardine stellen“. Der neue Herd wird tatsächlich mit der Warnung geliefert: „Achtung, beim Kochen, Braten, Backen, Grillen wird der Herd heiß.“ Und auf den 357 Seiten einer Pkw-Betriebsanleitung finden sich 265 Warnhinweise, darunter: „Heißen Zigarettenanzünder nur am Griff anfassen, Verbrennungsgefahr!“ Für wie blöd hält man uns eigentlich?

Nun ja, für blöd halten uns die Urheber dieser Hinweise wohl nicht, aber sie haben erkannt, dass im sicherheitsverliebten Deutschland die Menschen gern die Schuld für ein Missgeschick bei anderen suchen.

Gern werden also die Konzerne haftbar gemacht, oder es wird ein Schaden eingeklagt, wenn hinter dem angeblich Verantwortlichen eine Versicherung Schutz und Geld verspricht. Kurzum: Das ­Lebensrisiko „Pech gehabt“ wird abgeschafft.

Im Straßenverkehr hat die Sicherheitsphilosophie des Staates durch strenge Regulierung die Zahl der Verkehrstoten drastisch reduziert. Gut so! Und weitere Regelungen sind in Vorbereitung, etwa die Verkürzung der Tüv-­Periode und noch mehr Radar­fallen. Vielleicht auch gut so.

Allerdings scheint die Konzentration auf die Verkehrstoten den Blick der Öffentlichkeit und von Vater Staat ein wenig abzulenken, zum Beispiel von den als „Hort von Sicherheit und Fürsorge“ bekannten Krankenhäusern.

Denn: Pro Jahr gibt es rund 500.000 Infektionen mit Krankenhauskeimen, etwa 15.000 Menschen sterben daran – fast viermal so viele wie im Straßenverkehr! Ein Sicherheitsskandal ohnegleichen. Wo bleibt der Krankenhaus-Tüv? Wo bleiben die Medien, die bei (gesundem!) Pferdefleisch in der Pasta Zeter und Mordio rufen?

Auch das Sicherheitsempfinden hat so seine Spezialgebiete, und wenn die Krankenhäuser nicht dazugehören, dann hat man halt „Pech gehabt“. Eine merkwürdige Sicherheitskultur!

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