Rostocker Riesen: AKTIV im Norden

Liebherr-Krane bewegen Lasten auf dem Wasser und in der Tiefsee

Rostocker Riesen


Der Weg durch die Halle ist lang. Exakt 737 Meter sind es von einem Ende zum anderen. Trotzdem verzichtet Rüdiger Tauchnitz meist auf sein Fahrrad, auch wenn es damit schneller ginge. „Zu Fuß erreiche ich jeden Winkel und bin dichter dran an den Leuten“, sagt er.

Und Gelegenheiten für Zwischenstopps gibt es viele in der größten der vier Fertigungsstätten von Liebherr-MCCtec Rostock. Der 50-jährige Produktionsleiter nutzt sie, um aus erster Hand zu erfahren, wie es im Betrieb läuft.

Der direkte Draht zu den Kollegen ist wichtig, denn – so Tauchnitz – „komplexe Produkte wie Offshore-Schwerlast- oder Hafenmobilkrane sind das Ergebnis eines großen Teams, aber auch die Summe vieler individueller Verantwortlichkeiten“.

Er selbst trägt Verantwortung für die Arbeit von 930 Beschäftigten in der Produktion und Produktionslogistik. „Kein Tag ist wie der andere, es gibt immer wieder neue Herausforderungen“, beschreibt Tauchnitz den Reiz seines Jobs.

Der erste Schwerlastkran wurde in einem Zelt zusammengebaut

Der Produktionsleiter bleibt vor einem haushohen Stahlkoloss stehen. Allein die Drehbühne für den Schwerlastkran vom Typ CAL 45.000 wiegt in voller Ausrüstung 416 Tonnen und reicht oben bedrohlich nah an das Dach heran.
Das riesige Herzstück des Krans, der für ein Offshore-Spezialschiff bestimmt ist, wurde in der Stahlbauhalle 4 montiert. Bei seinen Maßen wird sogar das 18 Meter breite Tor der Halle zum Nadelöhr. Tauchnitz: „An beiden Seiten bleiben knapp 20 Zentimeter Platz, um die Drehbühne herauszubugsieren.“

Die zentimetergenaue Torpassage wurde mit allen Beteiligten durchexerziert. Auch mit Vorarbeiter Andreas Wieck aus der Endmontage Großkrane. Der 33-Jährige hat Erfahrung, er arbeitet seit 2007 in dem Rostocker Liebherr-Werk, das 2005 mit der Produktion von Hafenmobilkranen startete.

In den ersten Jahren musste noch kräftig improvisiert werden, erinnert sich Wieck. „Den allerersten Schwerlastkran haben wir in einem Zelt unweit des Prüffeldes montiert.“

Der notwendige Ausbau von Halle 3 folgte erst Monate später. Mit Schwerlastkranen für die Offshore-Industrie erweiterte der Kranbauer damals strategisch sein Produktportfolio an der Ostsee. Seitdem wurden bereits zahlreiche Offshore-Spezialschiffe vor Ort mit Megakranen ausgerüstet, die Lasten bis zu 2.000 Tonnen an den Haken nehmen.

Jüngstes Werk der Rostocker ist der Tiefseekran RL-K 7500. Er ist in der Lage, Lasten von 300 Tonnen bis zu 3 .400 Meter tief ins Meer abzusenken. Krane dieses Kalibers braucht man unter anderem für Erkundungen am Meeresboden oder zum Kabellegen.

In den Winkeln der Stahlbauhalle 4 blitzen blaugrelle Schweißlichtbögen auf, einige Meter weiter sorgen Schleifscheiben für stetigen Funkenflug. Insgesamt wandern pro Monat 2 .700 Tonnen Stahl durch das Werk.

Zum Einstand gab es einen „Drecksjob“

Azubi Jennifer Voigt hat längst den Überblick darüber, wie ein Kran entsteht. Die 20-Jährige arbeitet im dritten Jahr ihrer Mechatroniker-Lehre in der Instandhaltung.

In ihrer sächsischen Heimatstadt Wurzen hatte sie schon früh in der Kfz-Werkstatt des Vaters ausgeholfen. Bei Liebherr-MCCtec ist sie der einzige weibliche Mechatroniker-Lehrling, aber eine Arbeit im Büro kam für sie nie infrage.

An ihren ersten Tag in der Instandhaltung kann sie sich gut erinnern. „Ich musste gleich ran und in der Lackieranlage einen Filter wechseln.“ Ein echter Drecksjob, aber einer muss ihn ja machen.

Nach fünf Stunden stand Jennifer völlig verschmutzt vor den Kollegen. Einer spricht aus, was damals alle dachten: „Wenn sie jetzt nicht hinschmeißt, bleibt sie.“

Sie blieb. Und lacht heute über den Vorfall. „Wozu gibt es Wasser und Seife?“

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