Mal schnell ein Auto zerschneiden: AKTIV im Norden

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Mal schnell ein Auto zerschneiden


Dank Weber-Hydraulik bekommen Rettungskräfte im Notfall selbst die stabilsten Fahrzeuge auf

Güglingen. Er nimmt die Schutzbrille ab, wischt sich Schweiß von der Stirn. Hanno Diekmann hat in wenigen Minuten ein Auto zerschnitten. Dieses hier war eine alte Kiste, aber er bekommt sogar die neuesten Modelle auf den Hof gestellt, bevor sie beim Hersteller in Serie gehen.

„Ich habe die Leidenschaft zum Beruf gemacht“, sagt der Produktmanager und Ausbilder des Unternehmens Weber-Hydraulik in Güglingen nahe Heilbronn.

Ein verhinderter Autodieb? Natürlich nicht! Er ist in der Freizeit Feuerwehrmann („vor allem wegen des Adrenalins“). Und sein Arbeitgeber, der hauptsächlich Hydraulikzylinder für Serienfahrzeuge baut, macht 15 Prozent seines Umsatzes mit Rettungsgeräten. Diekmann und seine Kollegen schulen Einsatzkräfte in aller Welt, wie man sie nutzt.

Bis zu 12.000 Schneidgeräte, Spreizer und Rettungszylinder verkauft Weber-Hydraulik jedes Jahr. Hintergrund: Während die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland zum Glück stetig sinkt, wird es immer schwerer, Verletzte zu befreien. Denn die Autos werden, was an sich ja sinnvoll ist, immer stabiler.

Vorsicht, Airbag!

„Bei einem neueren Auto kann man nicht einfach drauflos schneiden“, erklärt Volker Oberhagemann, Leiter des Bereichs Rettungsgeräte, und runzelt die Stirn: „Sonst gehen Airbags los, man könnte auch eine Gasleitung treffen oder auf hochfeste Stähle stoßen.“ Beim Porsche Cayenne etwa muss man erst zwei Batterien abklemmen, eine davon unter dem Fahrersitz.

Da ist es gut, wenn man genau Bescheid weiß. Jede Woche veranstaltet Weber-Hydraulik drei bis vier Seminare. Es gibt sogar einen Spezial-Lehrgang für gepanzerte Fahrzeuge. Die insgesamt 72 Ausbilder sind zum Teil in anderen Ländern stationiert, etwa in England, Holland und in den USA.

Das Unternehmen muss nicht nur das Know-how der Rettungskräfte ständig auffrischen, sondern auch seine Geräte aufrüsten, die im österreichischen Losenstein montiert werden. „Unser stärkstes Schneidgerät hat eine Kraft von 107 Tonnen“, berichtet Oberhagemann, „früher war das Maximum 22 Tonnen.“

Gerade hat das Unternehmen eine neue Messer-Technologie zum Patent angemeldet, die mit den härtesten Stählen fertig wird. Denn wenn im Blech ein hochfestes Rohr steckt, kann ein normales Schneidgerät, das bis zu 5.000 Euro kostet, unbrauchbar werden.

Lukrativer Nischenmarkt

Hydraulische Rettungsgeräte gibt es seit den 70er-Jahren. Die ersten waren aus den USA und sehr teuer. Weber-Hydraulik erkundigte sich damals bei Behörden nach dem Marktpotenzial. Antwort: Es gebe keinen Bedarf! Deutschland sei mit 20 Geräten bestens versorgt. Wenn Oberhagemann das erzählt, muss er schmunzeln: „Heute sind allein im Inland 15.000 Rettungssätze von uns im Einsatz.“

Das Geschäft macht den Autozulieferer Weber-Hydraulik krisenfester. „Dieser Nischenmarkt wächst jedes Jahr“, sagt Personalleiter Frank Schmid. Die 550 Arbeitsplätze am Stammsitz seien sicher. Dazu trage auch ein mit der Belegschaft vereinbarter Beschäftigungssicherungsvertrag bei.

Derzeit bereiten sich die Rettungsprofis aus Güglingen auf ihre jährliche Großveranstaltung „Rescue Days“ vor, die diesmal im bayerischen Deggendorf läuft: 500 Leute werden, um für den Ernstfall gerüstet zu sein, 150 Fahrzeuge zerschneiden. Darunter 20, die es noch gar nicht zu kaufen gibt.

Barbara Auer

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