Kreuzfahrt-Spezialisten bauen ihr erstes Forschungsschiff: AKTIV im Norden

Im Emsland geht die „Sonne“ auf

Kreuzfahrt-Spezialisten bauen ihr erstes Forschungsschiff


Als das Wasser kommt, stehen auch die alten Hasen in der Werfthalle ehrfürchtig am Dock und beobachten, wie sich das riesige Becken zügig füllt. In der 358 Meter langen Grube wirkt das Schiff fast wie ein kleiner Spaßdampfer auf Hamburgs Binnenalster, aber der Eindruck täuscht. Die „Sonne“, die an diesem Tag zum ersten Mal schwimmen soll, ist ein hochseetaugliches Forschungsschiff mit einer Länge von 116 Metern und genug Platz für 75 Personen.

Bis die an Bord gehen können, ist allerdings noch eine Menge zu tun. Der Mann, der dafür sorgen soll, dass alles rechtzeitig fertig wird, heißt Manfred Hartig und zählt zu den erfahrensten Ingenieuren Meyer Werft im Emsland, die 1795 gegründet wurde und sonst auf Kreuzfahrtschiffe spezialisiert ist.

„Hier können Sie alle Standards vergessen“, sagt er. „Ein Forschungsschiff ist ein echtes Einzelstück, eine Maßanfertigung mit vielen Extras. Das fängt schon beim Rumpf an. Unsere Designer haben wochenlang an der Form gearbeitet, bis alles stimmte.“

Warum eigentlich? Wieso kann ein Forschungsschiff nicht einfach die Form eines Krabbenkutters oder eines Containerfrachters haben? Hartig deutet auf eine Zeichnung, die den Schiffskörper zeigt. „Blasenfrei und vibrationsarm“, sagt er. „Normale Schiffe erzeugen beim Fahren Verwirbelungen im Wasser. Unseres nicht. Das muss auch so sein, sonst könnten die hochempfindlichen Echolot-Geräte an Bord keine perfekten Bilder liefern.“

Auch ökologische Aspekte spielten bei der Form des Rumpfs eine wichtige Rolle. Die „Sonne“ ist stömungstechnisch so optimiert, dass sie deutlich weniger Treibstoff verbraucht als andere Schiffe dieser Größenordnung.

Auch bei hohem Seegang kann das Schiff exakt die Position halten

Außerdem fährt das Forschungsschiff, anders als die meisten großen Frachter, nicht mit Schweröl, sondern mit Diesel. Daher liegen der Abgaswerte deutlich unter den einschlägigen Normen, selbst wenn das Schiff mit einer Höchstgeschwindigkeit von 25 Stundenkilometern durchs Wasser gleitet.

Für den Antrieb mussten sich die Papenburger etwas ganz Spezielles einfallen lassen. Denn eine Anforderung des Auftraggebers, des Ministeriums für Forschung und Bildung, war: Das Schiff muss – auch bei hohem Seegang – exakt auf der Stelle gehalten werden können.

Mit einem einfachen Propeller am Heck lässt sich das nicht machen. Also erhielt die „Sonne“ zwei ausfahrbare Ruderpropeller des Herstellers Schottel in Wismar, die eine Leistung von je 860 Kilowatt haben. Außerdem lieferte Schottel ein Pumpjet, also ein Strahlruder, das seitlich einen kräftigen Wasserstrahl ausstößt und so beim Manövrieren hilft.

Das Schiff selbst entstand in bewährter Baukasten-Manier: Die einzelnen Teile, die Blöcke, wurden einzeln fertiggestellt und danach mit riesigen Portalkränen Stück für Stück in das Baudock gehoben. Dort wurden die Elemente millimetergenau aufeinandergesetzt und zusammengeschweißt. Der 19. und gleichzeitig letzte Block war der Hauptmast, nun ist das Schiff weitgehend fertig.

Das gilt allerdings nicht für die Innenausstattung. Dort ist bislang vor allem nacktes Metall zu sehen. Von den Decken hängen Kabel, im Boden klaffen große Löcher. Dutzende von Arbeiter sind damit beschäftigt, das Innere der „Sonne“ zu komplettieren.

Projektleiter Hartig: „Für die Forscher wird es mehrere Labore mit einer Gesamtfläche von 550 Quadratmetern geben, außerdem ein Arbeitsdeck mit 700 Quadratmetern und genug Stellplatz für maximal 20 Container mit Ausrüstung.“

Die fünf Bundesländer im Norden beteiligen sich an den Baukosten

Die Kosten in Höhe von 124,4 Millionen Euro übernimmt das Bundesministerium für Bildung und Forschung zu 90 Prozent. Den Rest steuern die Küstenländer Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen bei. Heimathafen der „Sonne“ wird Wilhelmshaven.

Das neue Forschungsschiff „Sonne“

Die „Sonne“ soll Anfang 2015 ihren gleichnamigen Vorgänger ablösen, der ursprünglich als Fischtrawler gebaut und 1978 für die Forschung umgerüstet wurde. Das neue Schiff hat eine Länge von 116 Metern. Mit seiner Hilfe sollen unter anderem die Folgen des Klimawandels und die Versorgung mit Rohstoffen geklärt werden. Es wird vor allem auf dem Indischen und dem Pazifischen Ozean im Einsatz sein.

Technisch gesehen …

In die Tiefe sehen: Mit hoch aufgelösten Bildern lassen sich unterschiedliche Fischarten erkennen. Illustration: Powell
In die Tiefe sehen: Mit hoch aufgelösten Bildern lassen sich unterschiedliche Fischarten erkennen. Illustration: Powell

Wie funktioniert eigentlich ein Echolot?

Wer einmal den Film „Das Boot“ gesehen hat, wird das Geräusch nie vergessen. Ping, ping, ping. Dieser Ton ist charakteristisch für das Echolot, das seit etwa 100 Jahren in der Schifffahrt genutzt wird.

Ein Echolot arbeitet mit Schall. Es sendet über einen Tongeber am Schiffsrumpf ein Signal aus, das vom Gewässerboden oder Gegenständen im Wasser reflektiert wird. Das dabei entstehende Echo wird von hochempfindlichen Mikrofonen aufgefangen und ausgewertet.

Aus der Zeitdauer zwischen Ton und Echo lässt sich der zurückgelegte Weg des Schalls berechnen. Damit eignet sich das Echolot perfekt, um die Tiefe eines Gewässers zu ermitteln.

Heutige Echolote können aber noch weit mehr. Ähnlich wie die verwandte Ultraschall-Technik in der Medizin ermöglichen sie sehr exakte Unterwasserbilder, auf denen man selbst kleine Details gut erkennen kann.

Das Echolot-System des Forschungsschiffs „Sonne“ beispielsweise ist so präzise, dass man Fischschwärme damit nicht nur orten, sondern auch Art und Größe bestimmen kann. Vorteil: Die Fische müssen von den Forschern nicht mehr im Netz gefangen und an Bord geholt werden.

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