Im neuen Schülerforschungszentrum Hamburg nach Herzenslust experimentieren ? und erfinden: AKTIV im Norden

Auch dank des Engagements des Verbands Nordmetall

Im neuen Schülerforschungszentrum Hamburg nach Herzenslust experimentieren – und erfinden

Verflixter Vorführeffekt. Der 3-D-Drucker ist betriebsbereit, aber irgendwie will er einfach nicht so, wie Caius, Wincia und Johny von der Hamburger Stadtteilschule Max-Brauer es wünschen. „Wir haben das Gerät selbst aufgebaut und zum Laufen gebracht“, sagt Achtklässler Caius, „aber jetzt scheint gerade etwas mit der Steuerungssoftware nicht zu stimmen.“

Und das ausgerechnet heute, am Eröffnungstag des Hamburger Schülerforschungszentrums (SFZ). Eigentlich wollten die Jugendlichen das SFZ-Logo herstellen, doch daraus wird vorerst nichts. „Kein Problem“, meint Physiklehrer Ole Koch, der die Schüler bei dem Projekt unterstützt. „Ich bin sicher, sie finden eine Lösung.“ Er hat recht, kurz darauf können die Logos gedruckt werden.

Das Schülerforschungszentrum Hamburg ist ein in Norddeutschland einzigartiges Projekt. Dort gibt es nicht nur Werkstätten und Labore, sondern auch Lehrer und Wissenschaftler, die den Jungforschern zur Seite stehen.

Das helle und modern ausgestattete Zentrum liegt im Univiertel an der Grindelallee, verfügt über 500 Quadratmeter Fläche im Erdgeschoss und 100 Quadratmeter im Keller. Verschiedene Labore und Werkräume stehen den Kids zur Verfügung: ein Chemieraum mit zwei Abzügen für die Abluft, ein Werkraum mit Werkbänken, eine Werkstatt mit Bohrmaschinen, Fräsen und einem 3-D-Drucker, eine Bibliothek und – ganz wichtig für den Austausch der Nachwuchstüftler untereinander – eine Pantry mit großem Foyer. Ideale Bedingungen zum Chillen in den Pausen, Knüpfen von Kontakten und Anstoßen neuer Projekte.

„Olympia-Stützpunkt“ für MINT-Talente

Mathematik, Informatik, Naturwissenachaften und Technik: Die Initiatoren des Labors für MINT-Talente haben viel Geld in die Hand genommen, um ihr Projekt zu verwirklichen. Nordmetall und die Stiftungen steuern je eine Million Euro bei, die Universität hat die Räume für 1,8 Millionen Euro um- und ausgebaut, und die Schulbehörde stellt jährlich zwei Lehrerstellen zur Verfügung. „Insgesamt fließen so in den kommenden zehn Jahren rund 6 Millionen Euro in unser Schülerforschungszentrum Hamburg“, freut sich Geschäftsführer Thomas Garl. Ziel des gemeinsamen Engagements ist es, in Hamburg eine Lücke zu schließen. Denn an außerschulischen Angeboten wie Info-Tagen, Schülervorlesungen oder Experimentiermodulen mangelt es nicht. Doch das ist, bildlich gesprochen, nur der Breitensport im Rahmen der MINT-Förderung. Das neue Angebot dagegen will vor allem die besonders begabten Schüler fördern und eine Art Olympia-Stützpunkt für MINT-Talente aufbauen.

Schon in der Bauphase wurde geforscht

Da Nachwuchsförderung nie früh genug anfangen kann, starteten bereits während der anderthalbjährigen Bauphase an elf Hamburger Kooperationsschulen Pilotprojekte. Im Rahmen verschiedener Schülerforschungs-AGs konnten Jugendliche und Betreuungslehrer erste Erfahrungen sammeln.

Ein kurzer Blick in die Liste der Vorhaben zeigt die Breite und Vielfalt der Themen. Sechstklässler des Heidberg-Gymnasiums beschäftigten sich zum Beispiel mit der Zellstruktur und dem Säuregehalt unterschiedlicher Apfelsorten. Schüler des Humboldt-Gymnasiums entwickelten und bauten ein Modellboot, das seine Antriebsenergie aus einer Brennstoffzelle gewinnt. Und Gymnasiasten aus Eppendorf konstruierten ein autonom fahrendes Auto, das selbstständig Hindernissen ausweicht.

Nordmetall-Präsident Thomas Lambusch weiß aus eigener Erfahrung, wie hilfreich praktische Experimente sind. „Mein Physikunterricht war eher langweilig“, erinnert er sich. „Deshalb finde ich es so wichtig, dass Schüler selbst experimentieren und probieren können. Und hier im SFZ Hamburg gibt es dafür ganz andere Möglichkeiten als in der Schule.“

Technische und naturwissenschaftliche Talente zu fördern, sei aber kein Selbstzweck. „Unser wirtschaftlicher Erfolg in Deutschland hängt maßgeblich von den naturwissenschaftlichen Fähigkeiten unserer Ingenieure und der technischen Kompetenz der Facharbeit in unseren Betrieben ab“, sagt der Unternehmer. Tolle Produkte und Dienstleistungen der Metall- und Elektro-Industrie tragen zum Wohlstand der Gesellschaft entscheidend bei. „Um auch langfristig erfolgreich zu sein, müssen wir frühzeitig Talente im MINT-Bereich fördern“, fordert Lambusch.

Bereits heute kann die M+E-Industrie nicht alle verfügbaren Ausbildungsplätze besetzen. „Es mangelt nicht an einer ausreichenden Zahl von Bewerbern, sondern an geeigneten Bewerbern“, erklärt Peter Golinski, Geschäftsführer Bildung und Arbeitsmarkt bei Nordmetall.

Die neue Einrichtung, so Golinski, könne Kinder und Jugendliche früh an den MINT-Bereich heranführen und langfristig zur Nachwuchsgewinnung beitragen. „Wir müssen schon junge Leute für unsere Berufe begeistern. Das geht am besten über Inhalte.“

Dabei sollen auch die Betreuer im SFZ Hamburg helfen. Insgesamt elf Pädagogen teilen sich die zwei von der Hamburger Schulbehörde finanzierten Lehrerstellen. Auch Studenten und Wissenschaftler können sich in der Einrichtung engagieren.

„Das Besondere des Schülerforschungszentrums Hamburg ist, dass es zugleich auch ein Lehr-lern-Labor für angehende Lehrer ist“, sagt Geschäftsführer Garl. Lehramtsstudenten könnten hier Erfahrungen mit offenen Lernformen sammeln.

Fragt man die Schüler, was ihnen an dem SFZ am besten gefällt, steht der Kontakt mit den anderen Jungforschern ganz oben an. Der Community-Gedanke spielt eine große Rolle.

Austausch mit Gleichgesinnten

Paul Cornehl vom Gymnasium Eppendorf, der zusammen mit seinen Klassenkameraden Ben Finlay und Alexander Haselon ein autonom fahrendes Modellauto gebaut hat, sagt: „Wenn man mal nicht weiter weiß, ist es klasse, sich mit anderen auszutauschen. Hier lernt man viele neue Leute kennen und bekommt Anregungen für die eigenen Projekte.“

Hilfe und Anregung haben sich unterdessen auch die Schüler der Max-Brauer-Schule geholt. Rechtzeitig zum Ausklang des Eröffnungstags hat ihr 3-D-Drucker die Arbeit doch noch aufgenommen.


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