Fitness-Kur für ?Kaiser Wilhelm?: AKTIV im Norden

Reportage: An Bord eines historischen Raddampfers

Fitness-Kur für „Kaiser Wilhelm“

Viel hätte nicht gefehlt, und der Kaiser wäre verschrottet worden. Einfach so, denn der Schiffseigner hatte kein Interesse an einem 70 Jahre alten Schaufelraddampfer, der es mit Ach und Krach auf 15 Stundenkilometer bringt. Was will man auch mit einem Kahn, dessen Dampfmaschine bereits am Freitag angeheizt werden muss, wenn am Samstag eine Fahrt ansteht?

Zum Glück kam es anders – dank des Engagements einiger Schiffsliebhaber konnte die „Kaiser Wilhelm“ in letzter Minute vor dem Schneidbrenner gerettet werden. Und so dampfte das in Dresden gebaute Fossil, das zwei Weltkriege und die deutsche Teilung überstanden hatte, Ende Oktober 1970 über den Mittellandkanal und die Elbe durch die damalige DDR nach Lauenburg, wo es eine neue Heimat fand.

Der heutige Kapitän wurde auf einem Binnenschiff geboren

Markus Reich war damals noch ein kleiner Knirps, gerade mal zwölf Jahre alt, aber er kennt die Geschichte in allen Details. Muss auch so sein, immerhin ist er der Kapitän des schwimmenden Industrie-Denkmals. Geboren auf einem Binnenschiff unweit von Schnackenburg, war er genau der richtige Mann, als 2013 ein neuer Vorsitzender für den „Verein zur Förderung des Lauenburger Elbschiffahrtmuseums“ gesucht wurde.

Nun steht er auf dem Deck und berät mit seinen Vereinskollegen Holger Böttcher und Wilhelm Bischoff, was heute noch alles zu erledigen ist. Das Schiff liegt auf der Helling der Lauenburger Hitzler Werft und muss gründlich überholt werden, denn Ende August steht ein wahrhaft ambitioniertes Projekt an: eine Fahrt nach Dresden, wo die „Kaiser Wilhelm“ am 20. Mai 1900 vom Stapel lief.

Böttcher: „In der Zeit wurden viele Schiffe dieses Typs gebaut, aber die meisten existieren nicht mehr. Soweit wir wissen, sind auf der ganzen Welt nur noch vier fahrtaugliche Raddampfer mit einer kohlebefeuerten Dampfmaschine im Einsatz.“

Eine Servolenkung mit Dampfmaschinen-Antrieb

Genau genommen hat das Lauenburger Exemplar sogar zwei Dampfmaschinen, wie Reich bei einem Gang durchs Schiff erzählt. Eine große mit einer Leistung von 168 PS treibt die zwei seitlichen Schaufelräder an, die andere (etwas kleinere) unterstützt die Bewegung des Heckruders und bietet dem Mann am Steuer damit quasi den Komfort einer „Servolenkung“.

Derartige Kuriositäten gibt es an Bord reichlich. Der Schornstein bespielsweise hat ein Scharnier, damit man ihn umlegen kann, wenn eine niedrige Brücke unterfahren wird. Das geschieht aber nicht auf Knopfdruck, sondern nur unter Einsatz von Muskelkraft. Zwei kräftige Männer erfordert es, um den Vorgang durchzuführen.

Auch im Maschinenraum geht nichts ohne menschliche Arbeitskraft. Der Kaiser braucht pro Stunde etwa 150 Kilo Kohle, die zügig in die offenen Feuerluken geschaufelt werden müssen. Also etwa so, wie man es aus Filmen wie „Titanic“ kennt? Markus Reich nickt. „Genau so. Für die Dresden-Tour heißt das: Unsere Heizer müssen eine Menge Kohle schaufeln. Rund 15 Tonnen.“

Ein Dampfer unter Denkmalschutz – das hat Nachteile und Vorteile

Das kostet viel Geld, aber der Brennstoff ist momentan noch das kleinste Problem. Wilhelm Bischoff, der im Verein fürs Finanzielle zuständig ist: „Allein die Überholung der Dampfmaschine, die aktuell ansteht, wird um die 100.000 Euro kosten. Außerdem brauchen wir unter anderem einen zusätzlichen Anker und einen neuen Anstrich.“

Eine echte Herkulesaufgabe für den kleinen Verein, der nach eigenen Angaben rund 50 aktive ehrenamtliche Mitglieder hat und keinen Gewinn erwirtschaftet. Bischoff: „Man darf nicht vergessen, dass der Dampfer im Sommer jedes zweite Wochenende mit bis zu 250 Menschen an Bord auf der Elbe unterwegs ist. Daher gilt er als reguläres Fahrgastschiff und unterliegt der Verordnung über die Schiffssicherheit.“

Damit sind strenge Auflagen verbunden, die alle erfüllt und finanziert werden müssen. Zudem ist das Schiff ins Denkmalbuch des Landes Schleswig-Holstein eingetragen und steht somit unter Denkmalschutz. Das verschärft den Kostendruck zusätzlich, wie jeder weiß, der einen Immobilienbesitzer mit einem denkmalgeschützten Haus kennt.

Fördermittel vom Bund für die Restaurierung

Auf der anderen Seite hat der Denkmal-Status auch Vorteile. 2014 erhielt der Verein von Schleswig-Holsteins Kulturministerin Anke Spoorendonk einen Förderbescheid über 400.000 Euro. Die Mittel kamen aus einem Denkmalschutz-Sonderprogramm des Bundes und waren eine große Hilfe bei der Restaurierung des Raddampfers.

Weitere Einnahmen erhoffen sich die Kaiser-Retter von der geplanten Dresden-Tour, auf der 130 zahlende Passagiere mitfahren können. Informationen dazu gibt es auf raddampfer-kaiser-wilhelm.de. Außerdem, so Reich, freut sich der Verein über jeden Interessenten, der Mitglied werden oder mit einer Spende helfen will.


Begegnung mit: Fred Schmidts – spannender Job

Engagiert: Der 54-Jährige vor dem Raddampfer. Foto: Mischke
Engagiert: Der 54-Jährige vor dem Raddampfer. Foto: Mischke

Ohne Fachleute wie ihn hätten die Mitglieder vom „Verein zur Förderung des Lauenburger Elbschiffahrtmuseums“ wohl keine Chance. Fred Schmidts, der die Reparatur-Abteilung auf der Hitzler Werft leitet, unterstützt die Dampfer-Fans bereits seit Jahren mit Rat und Tat.

Der gebürtige Geesthachter ist eigentlich gelernter Bauschlosser, wechselte aber früh in den Schiffbau und hat diesen Schritt nie bereut. „Ich bin seit 35 Jahren dabei, aber der Job macht immer noch Spaß“, sagt er. „Besonders spannend ist es, wenn Schiffe verkürzt oder verlängert werden müssen.“

Im Urlaub zieht es ihn ebenfalls ans Wasser. Schmidts, der eine Frau und zwei erwachsene Kinder hat, reist gern ans Rote Meer oder auf die Kanaren. Allerdings meist im Herbst, denn: „Im Sommer ist es hier oben doch schön genug.“

Mein Job

Wie kamen Sie zu Ihrem Job?
Anfang der 80er-Jahre habe ich in der Zeitung eine Stellenanzeige der Werft gesehen und mich dort spontan beworben. Wenig später hatte ich die Zusage.

Was gefällt Ihnen besonders?
Der Umgang mit Kunden und die technischen Herausforderungen, die einen bei jedem neuen Auftrag erwarten.

Worauf kommt es an?
Man muss improvisieren können und flexibel sein. Und natürlich sollte man Spaß an Schiffen und an Technik haben.

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21481 Lauenburg Elbe

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