Ein neues Schiff für die Offshore-Branche: AKTIV im Norden

Auf dem Laufsteg zur Arbeit

Ein neues Schiff für die Offshore-Branche

Wer kann schon von seinem Arbeitsplatz aus über die Nordsee bis nach Sylt schauen? Die Siemens-Mitarbeiter Ingo Bischof und Alexej Lenz haben dieses Glück, wenn sie auf dem Offshore-Serviceschiff „Esvagt Faraday“ im Einsatz sind. Sofern das Wetter mitspielt.

Doch meist ist die Wartung von Offshore-Turbinen ein Knochenjob. Vor allem im Winter, dann ist der Himmel oft grau und die See rau. Für Windpark-Betreiber die beste Erntezeit. Das 1,3-Milliarden-Euro-Projekt Butendiek etwa, 30 Kilometer vor Sylt, kann rund 370.000 Haushalte mit Strom versorgen. Aber nur, wenn alle Anlagen gut in Schuss sind.

Dafür sind Bischof und Lenz zuständig, an Bord der „Esvagt Faraday“. Das Schiff ist eines der ersten Service Operation Vessels, kurz: SOVs. Siemens hat die SOVs für Offshore-Windparks entwickelt, gemeinsam mit dem Schiffsbetreiber Esvagt, der Hochsee-Erfahrung aus dem Öl- und Gasgeschäft einbrachte. Das SOV soll Komfort bieten und möglichst das ganze Jahr im Windpark bleiben – außer wenn die Wellen zu hoch sind.

„Das Schiffsdesign ist darauf ausgelegt, dass es Schwankungen minimiert“, erklärt Projektmanager Bischof. Wenn er den Site-Manager vertritt, ist er der Chef der rund 30-köpfigen Servicetruppe an Bord und arbeitet in einem schicken Büro mit bodentiefen Fenstern.

Früher war der Überstieg zur Turbine bisweilen eine echte Mutprobe

Techniker Alexej Lenz hat den anspruchsvolleren Job. Er muss vom Schiff rüber auf die Turbine. Beim herkömmlichen Transfer mit CTV (Crew Transfer Vessel) geht das so: Der Kapitän steuert den gepolsterten Bug des Bootes sachte an die Leiter des Turbinenturms und gibt Gas, um das Schiff halbwegs ruhig zu halten. Dann muss der Techniker, beladen mit einer zehn Kilo schweren Sicherheitsausrüstung, einen ruhigen Moment abpassen und übersteigen.

Schon bei kleinen Wellen ist das eine Mutprobe, bei hohem Seegang ist es aus Sicherheitsgründen verboten. Dann, so einer der Monteure, „muss der Käpt’n den Kahn wenden und die ganze Truppe zurückfahren“.

Verglichen damit ist der Überstieg von der „Esvagt Faraday“ ein Spaziergang: Während sich das Schiff weiterhin mit dem Seegang bewegt, fährt seitlich eine Gangway aus, deren Hydraulik alle Bewegungen ausgleicht. So können die Techniker einfach zur Turbine laufen, etwa 20 Meter über der Wasseroberfläche. „Diese Art des Transfers ist deutlich sicherer und angenehmer“, sagt Lenz. Und sie ermöglicht einen Übertritt auch bei höheren Wellen. Zudem muss man kein Werkzeug und Material schleppen, das erledigt der Bordkran.

Die Schicht auf dem Schiff beginnt um 7 Uhr und dauert zwölf Stunden, plus Pause. Mehr erlaubt der Gesetzgeber nicht. Der Vorteil des SOV: Es bleibt jeweils zwei Wochen lang direkt im Windpark, das spart enorm viel Zeit.

In den Windparks vor Helgoland pendeln die Service-Teams vom Inselhafen aus, aber für Butendiek wäre das zu aufwendig geworden. „Mit unserem Servicekonzept gehen wir von effektiv zehn Stunden auf der Turbine aus“, erläutert Bischof. Also rund vier Stunden Arbeitszeit mehr als bei einer Pendellösung.

„Die tägliche Route wird so geplant, dass das SOV im Halbstundentakt je eine Turbine ansteuern kann“, erklärt Ingo Bischof. Nach dem Frühstück wird die Arbeit auf Dreier- und Vierer-Teams verteilt. Alleine darf aus Sicherheitsgründen niemand auf die Turbinen.

Wie man sich im Notfall verhalten muss, haben alle Mitarbeiter ausführlich trainiert. Vor ein paar Monaten zahlte sich das aus: Ein Kollege benötigte medizinische Hilfe. „Wir haben den Rettungssanitäter, der auf dem SOV war, per Beiboot mit Höchstgeschwindigkeit zur Turbine gebracht und – als das SOV eintraf – per Gangway an Bord geholt“, berichtet Ingo Bischof. Im SOV gibt es eine kleine Krankenstation für die weitere Versorgung.

Die Schiffe bieten eine Menge Komfort, das ist gut für die Moral der Truppe

Aber auch für den täglichen Bedarf sind die Schiffe bestens ausgestattet. „Wir haben an Bord einige Möglichkeiten der Freizeitgestaltung“, erzählt Alexej Lenz. „Einen Fitnessraum mit Hanteln und Laufband, eine Kantine, Aufenthaltsräume, Videospiele und Kinoräume.“ Und natürlich Einzelkabinen mit TV.

Die Techniker müssen jeden Morgen ausgeruht und fit sein. „Schließlich machen sie einen herausfordernden Job, bei dem sie für sich und ihre Kollegen Verantwortung übernehmen“, sagt Ingo Bischof. „Da braucht man einfach seine Rückzugsräume.“

Das stärkt auch die Moral der Truppe, ist er sich sicher. Ebenso wie der tägliche selbst gebackene Kuchen. „Bei solchen Kleinigkeiten haben wir von unserem Partner Esvagt unheimlich viel gelernt. Es gab in der Offshore-Sparte der Wind-Industrie ja vorher nichts Vergleichbares.“


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