Bei Mercedes lernen Alt und Jung zusammen: AKTIV im Norden

Intergenerationelle Qualifizierung in Bremen

Bei Mercedes lernen Alt und Jung zusammen


Die Schneidkraft eines Metallwerkzeugs berechnen? Kein Problem für Christian Grimm, routiniert schreibt er die Formel an die Tafel. In Mathe und Physik ist der 19-jährige Azubi bei Mercedes-Benz in Bremen fit, da macht ihm keiner etwas vor.

Einigen seiner „Mitschüler“ raucht dagegen schon der Kopf. „Klar, ich habe ja seit 20 Jahren keine Schule mehr von innen gesehen“, sagt Marcus Ahlers. Er ist 48, seit 25 Jahren bei Mercedes und wieder in der Ausbildung.

Vor drei Jahren hat das Bremer Werk ein Experiment gestartet, das junge Menschen und langjährige Mitarbeiter gemeinsam auf die Schul- und an die Werkbank setzt. „Intergenerationelle Qualifizierung“, kurz IQ, nennen Ausbilder und Personaler ihr Konzept. In Kurzform bedeutet es: Alte Hasen bereiten sich zusammen mit jungen Hüpfern auf neue Berufsbilder vor.

Der kühne Versuch gelang. Inzwischen ist aus dem Pilotprojekt ein ständiges Angebot geworden, das sich großer Beliebtheit erfreut.

Anfang September startete bereits der vierte Jahrgang der altersmäßig bunt gemischten Truppe. Die Teilnehmer erlernen das Berufsbild des Werkzeugmechanikers.

Marcus Ahlers hat schon viele Abteilungen bei Mercedes durchlaufen, war unter anderem beim Bau des SLK-Roadsters dabei, arbeitete im Rohbau und unterstützte auch die Mitarbeiter im Werk Sindelfingen bei der Einführung neuer Modelle. „Ich habe jede Menge gesehen und gemacht, aber das kann nicht alles gewesen sein“, sagt er. Er will persönlich weiterkommen und noch einmal Neues wagen.

Für Ausbildungsleiter Uwe Oentrich ist das genau die Motivation, die zum Erfolg führt. „Wir wollen Leute, die bereits einen Beruf haben, aber ihren Horizont erweitern und sich weiterqualifizieren möchten“, erklärt er. Mitarbeiter, die „im Kopf jung geblieben“ und bereit sind, gemeinsam mit jugendlichen Auszubildenden zu lernen. „Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und der Herausforderung, künftig länger zu arbeiten, ist lebenslanges Lernen sehr wichtig“, betont Oentrich.

Jung und Alt helfen sich gegenseitig

Jung geblieben ist Ahlers, dennoch hatte er wie die anderen erfahrenen Mitarbeiter anfangs ziemlichen Respekt vor der Berufsschule. „Wir mussten einen Aufsatz schreiben. Thema: Mein erster Tag in der Ausbildung. Das war schon ein bisschen schräg“, sagt er schmunzelnd. Den jungen Azubis falle das Schulische leichter, dafür seien die Alten im Handwerklichen oft weiter. „Aber wir ergänzen uns prima“, bilanziert Ahlers.

Azubi Renke Heeren nickt. Der 21-Jährige hatte zunächst das Gefühl, dass die Älteren den Jüngeren überlegen seien. „Ist aber gar nicht so, im Gegenteil. Die lassen nie den großen Macker raushängen.“ Jung und Alt unterstützen sich gegenseitig. „Wir lernen voneinander.“

Bisweilen trifft man sich auch gemeinsam zum Lernen bei einem Azubi zu Hause. „Es ist manchmal schon gewöhnungsbedürftig, sich mit Kollegen im Alter meiner Kinder auf eine Prüfung vorzubereiten“, sagt Ahlers.

Aber gerade das macht den Reiz der Qualifizierung aus. „Wir haben bisher nur gute Erfahrungen mit der gemeinsamen Qualifizierung verschiedener Generationen gemacht“, sagt Ausbildungsleiter Oentrich. Inzwischen seien sogar Freundschaften zwischen Youngstern und Oldies entstanden. Azubi Renke Heeren: „Wir haben gemeinsam gegrillt und Party gemacht. Das war toll.“

Jährlich rund 80 Bewerbungen

Während die Azubis eine klassische dreijährige Lehrzeit durchlaufen, ist für die älteren Fachkräfte nach der 18-monatigen Qualifizierung Schluss. Dann erwarten die erfahrenen Mitarbeiter neue Aufgaben als Werkzeugmechaniker im Betriebsmittelbau oder im Presswerk.

Perspektiven, die offenbar ziemlich attraktiv sind. Oentrich: „Wir bekommen jährlich rund 80 Bewerbungen auf unsere Ausschreibung, können allerdings nur vier pro Ausbildungszyklus nehmen.“

Entsprechend gewissenhaft läuft der Auswahlprozess ab. „Kollegen, deren einzige Motivation darin besteht, aus dem Wechselschicht-Rhythmus herrauszukommen, haben keine Chance“, sagt der Ausbilder.

Alle Bewerber müsssen, neben einer Hospitanz in ihren späteren Abteilungen, ein Assessment-Center absolvieren. Dazu zählen beispielsweise auch schriftliche und mündliche Tests. „Wie in der Schule“, meint Oentrich. „Ein guter Vorgeschmack auf die Zeit danach.“

Ausgezeichnetes IQ-Konzept

Das Konzept des Bremer Mercedes-Werks zeigt, dass Lernen mitein­ander und voneinander funktionieren kann. Die Initiative trägt dazu bei, einen Großteil des Bedarfs an Werkzeugmechanikern im Werk zu decken. Auch der Nachwuchs profitiert: Im Vergleich zu anderen Azubis erzielte die Gruppe bessere Noten, zeigte eine höhere Motivation und Lernbereitschaft.

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