Ausbildung: Jugendliche ergreifen die ?Nordchance?: AKTIV im Norden

Chance statt Schicksal

Ausbildung: Jugendliche ergreifen die „Nordchance”


Er ist ein cooler Typ. Wenn Noah Grubetzki durch die Webasto-Werkhalle in Neubrandenburg zu seinem Arbeitsplatz geht, schüttelt er den Kollegen links und rechts die Hände. Ein „Hallo“ hier, ein Spruch da – ganz so, als wäre der 18-Jährige seit Jahren dabei. Dabei ist er (noch) Praktikant.

Noah fühlt sich gut. Das war vor einem Jahr ganz anders. Da stand er kurz vor dem Schulabschluss und hatte noch keine einzige Bewerbung geschrieben: „Ich wollte unbedingt die mittlere Reife schaffen, und Mathe machte Probleme.“

Zeit für die Lehrstellensuche nahm er sich nicht. „Und dann war ich zu spät dran.“ Da erzählte ihm ein Mitarbeiter der Arbeitsagentur von „Nordchance“. Noah begriff: Damit könnte es vielleicht doch noch klappen mit der Ausbildung.

Heute ist er einer der ersten Teilnehmer des Projekts in Neubrandenburg. 22 Kandidaten hatte die Agentur zu einer Info-Veranstaltung geschickt, sieben haben die „Nordchance“ schließlich ergriffen.

„Wir hätten sogar noch mehr freie Plätze, aber das muss wachsen“, sagt Helmut Fitzke, Leiter der Neubrandenburger Geschäftsstelle der Arbeitgeberverbände Nordmetall und AGV Nord. Er hat „Nordchance“ in die Stadt geholt.

Erst Orientierungsphase, dann Betriebspraktikum

Initiiert wurde das Projekt vor fünf Jahren vom damaligen Nordmetall-Präsidenten Ingo Kramer. Er wollte Jugendlichen den Einstieg in Berufe ermöglichen, in denen sie wegen schlechter Noten oder anderer Probleme kaum Chancen haben.

Der Ablauf: Nach einer Orientierungsphase bei einem Bildungsträger geht es ins Praktikum. Beides zusammen dauert etwa ein Jahr. Während der gesamten Maßnahme werden die Teilnehmer sozialpädagogisch betreut.

Bislang haben 503 junge Menschen im Norden teilgenommen. Von denen, die ein Praktikum aufnahmen, haben 76 Prozent den Sprung in die Ausbildung geschafft.

Das ist auch Noahs Ziel. Er weiß: In der Metall- und Elektro-Industrie verdient er schon als Azubi doppelt so viel wie viele seiner Freunde. Doch vorher muss er die „Nordchance“ schaffen.

In der Orientierungsphase beim Bildungsträger „BUW Neubrandenburg“ checkte Noah eigene Berufswünsche ab. „Wir möchten die Teilnehmer auf ihrem Weg begleiten“, so Projektleiterin Manuela Kröhl. Sie weiß, dass neben fachlichen Fähigkeiten die sozialen Kompetenzen eine zentrale Rolle spielen, um in der Arbeitswelt bestehen zu können. „Noah hat viel Motivation mitgebracht, die nur auf den richtigen Weg gelenkt werden musste.“

Noten schlecht, Motivation gut

Webastos Ausbildungsleiter Matthias Schmidt kannte ihn bereits: „Noah hat 2012 ein Schulpraktikum bei uns gemacht, und sein älterer Bruder hat ebenfalls bei uns gelernt.“ Er hat ein gutes Gefühl bei Noah: „Ein Direkteinstieg als Azubi wäre wegen seiner Zensuren nicht möglich gewesen. Aber Noah ist leistungsbereit und will lernen“, sagt Schmidt, der insgesamt 65 Azubis bei Webasto betreut.

Natürlich will Schmidt die Firma als guten Ausbildungsbetrieb in der Region positionieren und mit Prüfungsbesten werben. Das sei aber nicht alles: „Bei den Azubis kommt es auf eine gute Mischung an.“ Deshalb macht Webasto bei „Nordchance“ mit.

„Für unsere Fertigung brauchen wir keine Weltverbesserer“, sagt der Ausbilder mit einem Lächeln. Eher jemanden wie Noah, der weiß, dass er dank „Nordchance“ noch mal die Kurve gekriegt hat und jetzt Vollgas gibt.

Noah nennt das Projekt eine „super Idee“ und „sinnvoll verbrachte Zeit“. Dass er schon während dieser Projektzeit jeden Monat 300 Euro bekommt, ist eine schöne Zusatzmotivation. Finanziert wird der Betrag von Arbeitsagentur und Verband.

Beim nächsten Ausbildungsjahrgang will Noah als Fertigungsmechaniker dabei sein. Zurzeit steht er an einer Maschine zur Vormontage von Standheizungen – ein Arbeitsplatz, der ihn quasi direkt mit einem anderen „Nordchance“-Teilnehmer verbindet.

Das Gerät stammt aus dem Hause Autosoft. Der 40-Mann-Betrieb, spezialisiert auf Automatisierungstechnik und Sondermaschinen, hat seinen Sitz nur wenige Kilometer von Webasto entfernt. Hier hat Sebastian Schulz einen Neustart geschafft – nach dem frustrierendsten Jahr seines Lebens.

Sebastian, 26, wollte nach der Realschule zunächst in die Pflegebranche, wechselte dann in die Industrie und lernte Mechatroniker. Doch kurz vor der Prüfung war sein Arbeitgeber pleite und Sebastian arbeitslos. Und andere Firmen wollten ihn im dritten Lehrjahr nicht übernehmen. Eine fatale Situation ohne eigenes Verschulden.

„Man fühlt sich wie in einer Falle“, sagt Sebastian. Er war damals Mitte 20 und kurz davor, mit dem Thema Ausbildung abzuschließen.

Doch dann bekam er von der Arbeitsagentur den Tipp mit „Nordchance“. „Das hat alles verändert“, sagt Sebastian. Mit etwas Glück kann Sebastian sogar aus dem Projektjahr heraus direkt in die Mechatroniker-Prüfung gehen.

Die Idee, seine ursprüngliche Ausbildung doch noch abzuschließen, entstand beim BUW Neubrandenburg: „Herr Schulz hat die Orientierungsphase bei uns genutzt, um Inhalte des vierten Ausbildungsjahrs nachzuholen. Wir haben dann die nötigen Anträge bei der IHK gestellt“, erzählt Manuela Kröhl vom BUW.

Aus anfänglicher Skepsis wurde Begeisterung

Nach der Prüfung würde Autosoft-Fertigungsleiter Lars Neumann ihn gern als Facharbeiter behalten. „Er passt gut ins Team und zeigt einen starken Lernwillen.“

Neumann freut sich, dass man Sebastian diese Chance geben konnte, schließlich teile man dasselbe Schicksal: „Wir hatten Geschäftsbeziehungen zu Sebastians früherem Arbeitgeber und haben auch unter der Pleite gelitten“, erinnert sich Prokuristin Kristin Dulitz. Sebastian habe auf Anhieb ihre Sympathien gehabt. Dennoch sei sie anfangs etwas skeptisch gewesen, auch aus der Sorge heraus, die Beteiligung an „Nordchance“ sei mit viel Aufwand verbunden.

Als sie dann merkte, dass das entsprechende Formular ganz einfach auszufüllen war, wagte sie den Sprung ins kalte Wasser. „Wir haben bislang nicht ausgebildet“, sagt Kristin Dulitz. „Aber wir wissen, dass wir bei der Nachwuchssicherung noch mehr tun können.“ Fachkräfte wachsen in Neubrandenburg nicht auf den Bäumen.

Für Prokuristin Dulitz und ihren Fertigungsleiter Neumann ist klar: „Wenn bei Menschen wie Sebastian das Persönliche stimmt und ein gewisser Biss dazukommt, geben wir immer wieder eine Chance.“

Kommentar

Jeder kann etwas

Von Nico Fickinger

Die Geschichte von Noah und Sebastian klingt für manche unglaublich: Schlechte Noten, ein pleitegegangener Ausbildungsbetrieb – und doch fühlen sich zwei ehemalige Pechvögel jetzt wie Glückspilze, weil sie die Chance auf einen tollen Beruf bekamen: durch das Programm „Nordchance“, an dem in den vergangenen fünf Jahren über 500 Jugendliche in ganz Norddeutschland teilgenommen haben.

Wir als Arbeitgeberverband Nordmetall wollen damit benachteiligten Jugendlichen eine Brücke in die Ausbildung bauen – auch wenn sie soziale Probleme und schlechte Zeugnisse oder gar keinen Schulabschluss haben.

Ich bin von unserer Zwischenbilanz wirklich begeistert. Im jüngsten Durchgang konnten neun von zehn Jugendlichen in die Praxisphase vermittelt werden. 77 Prozent davon wurden anschließend in die betriebliche Ausbildung übernommen. Diese Quoten sind deutlich besser als bei vielen anderen Maßnahmen.

Und sie zeigen: Wenn man sich jeden einzelnen Menschen genau ansieht und ihm die richtige Orientierungshilfe gibt, startet mancher Teilnehmer richtig durch. Gerade auch die, die nach Aktenlage schon im Bewerbungsverfahren durchfallen würden. Bei „Nordchance“ können sie zeigen, was in ihnen steckt. Es gibt sogar Fälle, bei denen der Ausbilder am Ende lobt: „Das war einer der besten Azubis, die ich je hatte.“

Klar ist: Aufgrund des fehlenden Nachwuchses müssen wir in Zukunft mehr Jugendliche mit Vermittlungshemmnissen in das Ausbildungssystem integrieren.

Unser Programm „Nordchance“ soll aber nicht nur dem Fachkräftemangel vorbeugen, sondern auch zeigen, dass die Unternehmen der Metall- und Elektro-Industrie soziale und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Gemeinsam mit unserem Sozialpartner wollen wir in ganz Deutschland solche Förderprojekte noch wirksamer und erfolgreicher machen.

Das geht übrigens nur, wenn sie – wie für die Ausbildung schon beschlossen – vom Mindestlohn ausgenommen werden. Vielleicht erstaunlich: Auch darin sind wir uns mit der IG Metall einig. Denn wir beide sind überzeugt: Jeder kann was. Und jeder hat eine Chance verdient.

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