Großer Andrang bei der ?Langen Nacht der Industrie? in Hamburg und Bremen: AKTIV im Norden

Norddeutsche Wirtschaft

Großer Andrang bei der „Langen Nacht der Industrie“ in Hamburg und Bremen

Was passiert eigentlich, wenn ein Patient bettlägerig ist und nicht zum Röntgen gehen kann? „Gute Frage“, sagt Jörg Sattelmacher, „wir haben da schon was vorbereitet.“ Der Philips-Mitarbeiter rollt ein Klinikbett in die Montagehalle und zeigt zusammen mit seinem Kollegen Dirk Manke den Besuchern, wie man mithilfe eines mobilen Röntgengeräts sogar Koma-Patienten auf dem Krankenlager durchleuchten kann.

Die Gäste sind beeindruckt, und Manke freut sich. Er ist einer von etwa 50 Philips-Mitarbeitern, die heute auf ihren pünktlichen Feierabend verzichtet haben, um bei der Langen Nacht der Industrie (LNDI) die spannende Welt der norddeutschen Wirtschaft zu präsentieren.

In Hamburg ist die Lange Nacht bereits Tradition, und meist sind die Teilnehmer-Tickets nach kurzer Zeit vergeben. Kein Wunder, hier ist die Lange Nacht der Industrie ja auch erfunden worden. 2008 wurde sie von der Handelskammer und dem Industrieverband Hamburg (IVH) initiiert, und seit 2011 ist der Verband Nordmetall als Träger dabei. Mittlerweile haben mehr als 550 Betriebe in bundesweit zwölf Regionen an dem Projekt teilgenommen.

Selbst Ahnherr Werner von Siemens gibt sich die Ehre

Einer von ihnen ist der Siemens-Konzern, der im Raum Hamburg etwa 2.500 Menschen beschäftigt. Hier wartet auf die Besucher diesmal ein ganz besonderer Gastgeber: An der Tür steht Firmengründer Werner von Siemens, stilecht gekleidet in Gehrock, Weste und Fliege.

„Äh, ist der jetzt echt?“, fragt eine Schülerin leise ihre Nachbarin. Der Mann hört’s und lacht. „Nein“, sagt er, „ich spiele ihn nur. Werner von Siemens lebt nicht mehr. Mitte Dezember wird sein 200. Geburtstag gefeiert.“

Ähnlich gut besucht ist die Veranstaltung bei Wiska in Kaltenkirchen. Der Betrieb ist ein echter LNDI-Veteran und zum sechsten Mal dabei. Fertigungsleiter Mathias Witthöft: „Für uns eine tolle Gelegenheit, den Menschen aus der Region unsere Fertigung zu präsentieren.“

So sieht es auch die Geschäftsleitung von ArcelorMittal in Hamburg. Das Stahlwerk im Hamburger Hafen zählt jedes Jahr zu den Highlights der LNDI-Tour. Besucher Ahmad Orabi ist begeistert. „Das war echt interessant“, sagt der 26-Jährige. „In Syrien habe ich Maschinenbau studiert, aber ich könnte mir gut vorstellen, hier eine Ausbildung zu machen.“

Spezialbrillen und Kittel für die Besucher

Am gleichen Abend haben auch in Bremen mehrere Unternehmen ihre Tore geöffnet. Ganz im Norden der Stadt, mitten im Wohngebiet, befindet sich das Werk von ThyssenKrupp System Engineering. Hier entwickeln und fertigen 871 Mitarbeiter Systeme für die Montage und den Test von Aggregaten wie Motor, Getriebe und Achsen für die Automobil- und Zuliefer-Industrie sowie den Flugzeugbau.

3-D-Brille auf, und schon tauchen die Besucher an der ersten Station in die virtuelle Realität der Motormontage ab. Via Leinwand verfolgen sie, wie die Kurbelwelle eingelegt und das Wälzlager montiert wird. „Die Anlage haben wir in ein Autowerk in Großbritannien geliefert, in dem Motoren montiert werden“, erklärt Eckhard Wellbrock aus dem Bereich Forschung und Entwicklung.

„Wirklich faszinierend“, sagt Besucherin Carolin Hennenberg. Die Maschinenbau-Ingenieurin arbeitet in der Raumfahrt, ihr Interesse an Technik in anderen Firmen hat sie zur achten Auflage der Bremer Langen Nacht geführt. Personalleiter Horst Merten ist vom Konzept überzeugt: „Der Bevölkerung und dem Nachwuchs zu zeigen, wie innovativ wir sind – mit diesem Anspruch sind wir jetzt zum dritten Mal dabei.“

Ein Teilnehmer der ersten Stunde ist Hella Fahrzeugkomponenten. Der 530-Mann-Betrieb ist auf Sensoren, Aktoren und Reinigungs-Systeme spezialisiert. Bei der Führung durch pieksaubere Hallen, für die alle Besucher einen Kittel überziehen müssen, sorgen Hightech-Produkte wie der Regen-Licht-Sensor für helle Begeisterung.

Vieles läuft hier hochautomatisiert, dennoch bleibt der Bedarf an Technikern und Ingenieuren hoch. „Wer fit in Mathe und Physik ist, hat bei Hella beste Chancen“, betont Dual-Student Tim Ahlers im Gespräch mit den jungen Gästen.

3-D-Druck und Roboter sorgen für Aha-Effekte

So gar nichts mit Autos haben die Produkte von Gestra zu tun. Die Flowserve-Tochter fertigt Armaturen und Regelungstechnik für Anlagen der Dampf- und Energiewirtschaft – von Kraftwerken über Kliniken bis hin zu Röstereien.

Zu den Besuchermagneten zählen der neue Schweißroboter und der 3-D-Drucker. Die Technik wird derzeit für Tests und Modelle genutzt. „Für unsere Anwendungen sind die Werkstoffe, die beim 3-D-Druck zum Einsatz kommen, noch nicht zugelassen“, erklärt Stefan Bode, Leiter Elektronik-Entwicklung. „Wir behalten aber den Markt im Auge, denn für Einzelteile ist die Technik für uns durchaus interessant.“


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AKTIV im Norden April-Ausgabe 2017