Ausbildung: Dual ist genial

Im Betrieb: Johannes Kreuzer arbeitet bei Weinmann in der Entwicklungsabteilung für Notfallmedizin. Foto: Kirchhof
Im Hörsaal: An der Technischen Universität Hamburg-Harburg studiert Kreuzer Maschinenbau. Foto: Kirchhof
Sebastian Schrod: Er war schon als Junge ein Tüftler und Bastler. Mit einem Abi-Schnitt von 2,2 bekam er einen Platz bei Rheinmetall Landsysteme. Er sagt: „Wir sind normalen Studenten weit voraus.“ Foto: Kirchhof
Anna-Maria Liebhoff: „Ich schaffe mehr in kürzerer Zeit“, sagt die Studentin des Informatik-Ingenieurwesens. Durch die Arbeit bei Airbus „merke ich immer wieder, wofür ich eigentlich studiere“. Foto: Berg
Roman Gottschalk: Der Maschinenbau-Student arbeitet bei Baader Maschinenbau in Lübeck: Man brauche Selbstorganisation und Disziplin, sagt er – aber „wirklich stressig ist vor allem die Prüfungszeit“. Foto: Berg

Im Hörsaal büffeln und parallel im Betrieb arbeiten – das funktioniert. Studenten aus Hamburg-Harburg berichten

Sie gehen arbeiten, wenn andere Ferien machen und setzten schon eigene Projekte um, während andere nur Theorie kennen: Die Teilnehmer am dualen Studium an der Technischen Universität Hamburg-Harburg sind in der vorlesungsfreien Zeit in einem Betrieb. Zum Beispiel Johannes Kreuzer (24), der bei Weinmann Medizintechnik in Hamburg in der Entwicklungsabteilung für Notfallmedizin ist, und gerade seinen Master macht: „Wenn ich fertig bin, kann ich sofort richtig einsteigen.“

Von Anfang an 840 Euro


Das ambitionierte Programm der Uni trägt die Bezeichnung „dual@TUHH“. Es existiert seit acht Jahren – und hilft beim Durchstarten für Theoretiker, die es praktisch mögen: ein vollwertiges Ingenieurstudium, kombiniert mit Praxisphasen in Betrieben. 18 norddeutsche Unternehmen machen mit. Vom Betrieb gibt’s je nach Ausbildungsjahr 840 bis 915 Euro brutto, dazu Urlaubstage und Freistellungen für Prüfungen. Im Gegenzug verpflichtet man sich nach erfolgreichem Abschluss
für zwei Jahre.

Beim Medizintechnik-Hersteller Weinmann legt man viel Wert auf gute Leistungen in Mathe, Englisch und Naturwissenschaften. Das Familienunternehmen fördert von Anfang an die Eigenverantwortung
etwa durch Projekte, die von den Studenten selbstständig durchgeführt werden.

Sebastian Schrod (23), der im sechsten Semester Informatik-Ingenieurwesen studiert und bei Rheinmetall Landsysteme in Kiel arbeitet, war schon als Junge ein begeisterter Tüftler und Bastler. „Ich wollte unbedingt in diesen Studiengang“, sagt er. „Und das Programm des dualen Studiums klang herausfordernd.“

Weil dafür in Harburg das normale Aufnahmeverfahren gilt und man sich um den Betriebsplatz selbst kümmern muss, bewarb sich Schrod (Abi-Schnitt 2,2) bei vier Firmen. Bei Rheinmetall Landsysteme klappte es nach zwei Runden plus Eignungstest. Das Unternehmen hat 16 duale Studenten
in verschiedenen Programmen – und jährlich etwa 50 Bewerber.

Schrod beschäftigt sich dort mit der Steuerung der Fahrzeugelektronik und Bordcomputer in Militärfahrzeugen. Er habe jetzt einen realistischeren Blick auf die Arbeitswelt, sagt er: „Ich kann besser einschätzen, ob theoretische Modelle in der Praxis wirklich funktionieren, da sind wir normalen Studenten weit voraus.“

Das sieht auch Anna-Maria Liebhoff (22) so, die gerade ihre Bachelor-Arbeit beim Flugzeug-Hersteller Airbus schreibt– nicht am Standort Buxtehude, wo sie mitarbeitet, sondern in der Zentrale im französischen Toulouse. Auch sie studiert dual Informatik-Ingenieurwesen. „Ich schaffe mehr in kürzerer Zeit und komme nicht in Versuchung zu bummeln“, erzählt sie. Und: „Durch die Praxiseinsätze merke ich immer wieder, wofür ich eigentlich studiere.“

Die Idee kam vom Arbeitgeberverband


Fürs duale Studium interessierte sie sich schon in Klasse zehn. Doch Fachhochschulen, die es meist anbieten, schienen ihr weniger attraktiv als Unis. So kam sie zum Programm dual@TUHH.

Die Idee dazu kam vom Arbeitgeberverband Nordmetall. „Unsere Unternehmen hatten in ihren Entwicklungsabteilungen Entwicklungsabteilungen zunehmenden Bedarf an hochqualifizierten Ingenieuren aus der technischen Informatik“, erinnert sich Hans-Günter Trepte, Leiter der Abteilung Arbeitsmarkt und Berufsbildung. Die Uni entwickelte erst den dualen Studiengang Informatik-Ingenieurwesen, dann Maschinenbau, Mechatronik, Schiffbau und Elektrotechnik.

Fast keiner muss das Studium abbrechen


Rund 100 Studenten sind aktuell im Programm. „Fast alle schaffen ihr Studium in der Regelzeit“, sagt Uni-Professor Sven-Ole Voigt, der als Projektleiter die Studenten und die Unternehmen betreut. Und: Bisher habe kaum einer das Studium leistungsbedingt abbrechen müssen. Die regelmäßige Mitarbeit in Betrieben sei sogar „Schlüssel für überdurchschnittliche Leistung“.

Bei allem Einsatz: Privatleben und auch ein paar Wochen Ferien im Jahr sind natürlich drin. „Wirklich stressig ist vor allem die Prüfungszeit“, sagt Roman Gottschalk (22), der den Praxis-Anteil des dualen Studiums bei Baader Maschinenbau in Lübeck erlebt. „Geprüft wird in den Semesterferien, und darunter leidet manchmal die Praxiszeit im Betrieb.“ Da brauche es Selbstorganisation und eiserne Disziplin, um die Klausuren zu bestehen und im Betrieb den Anschluss zu halten.

Trotzdem: Dual ist für ihn genial. „In einer Vorlesung zu lernen, wie ein Zahnradgetriebe funktioniert, und anschließend im Betrieb ein Getriebe für Fischverarbeitungsmaschinen konstruieren zu dürfen, das gebaut und getestet wird – das macht Spaß!“

AKTIV im Norden Juli-Ausgabe 2012