Wir reden mit Händen und Füßen: AKTIV im Norden

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Wir reden mit Händen und Füßen


Wie das Mercedes-Benz-Werk in Bremen Jugendliche mit Behinderung ausbildet

Maren Rust winkelt den rechten Arm an, legt die Hand mit gespreizten Fingern auf ihren Oberkörper und formt mit dem Mund ein O. Ihr Chef versteht sofort: „Sie hat ein kleines Problem“, übersetzt Industriemeister Harry Zipfel.

Er eilt zu seiner Mitarbeiterin. Die macht ihm mit wenigen Gesten klar, dass ein Werkzeug ausgetauscht werden muss. Kommunikation ohne Worte.

Die Sportwagen-Produktion im Mercedes-Benz-Werk Bremen: Voller Elan baut Rust – wegen einer seltenen Erbkrankheit von Geburt an schwerhörig – am SLK-Roadster mit.

Antriebswellen montieren, Kupplungsleitungen befestigen, Ladeluftkühler zusammenbauen und den Motor mit der Karosserie verbinden. Das gehört zu ihren Aufgaben, seit sie die Ausbildung zur Metallbearbeiterin hier im Werk 2009 abgeschlossen hat. „Es macht mir sehr viel Spaß“, sagt die junge Frau, spreizt ihre Hände, macht eine ausholende Bewegung mit den Armen und lacht fröhlich.

Auch wer die Gebärdensprache nicht beherrscht, versteht: Das kommt von Herzen!

Neben ihr lernten in den vergangenen sechs Jahren weitere 17 Jugendliche mit Schwerbehinderung bei dem Autohersteller einen Beruf. Drei Neue beginnen im Herbst ihre Lehre. Reiner Baeck, Leiter Personalmanagement: „Die Ausbildung behinderter Jugendlicher ist ein fester Bestandteil unserer Werkphilosophie.“

Kontakt zu den Schulen der Region

Trotz Handicap beim Weltkonzern: Die Schwerbehindertenquote im Werk liegt bei 6,6 Prozent – ein Spitzenwert in der Branche.

Dafür macht sich auch Alfons Adam stark, als Konzern- und Gesamtvertrauensperson für schwerbehinderte Menschen bei der Daimler AG: „Wir wollen junge Menschen mit Schwerbehinderung ermutigen, sich bei uns zu bewerben.“ Deshalb besucht er oft die Schulen der Region, traf in der Gehörlosenschule Maren Rust. Aber geht das überhaupt, Gehörlose und normal Hörende gemeinsam anzuleiten? Rust nickt lebhaft: „Ja klar, kein Problem. Wenn ich langsam spreche, kann man mich verstehen.“

Für besondere Situationen, wie Sicherheitsschulungen oder Betriebsversammlungen, steht eine Gebärdendolmetscherin bereit. Sie kommt auch dazu, wenn neue Werkzeuge erklärt werden. „Aber sonst reden wir mit Händen und Füßen“, sagt Harry Zipfel, der Vorgesetzte von Maren Rust.

Zweimal mit dem Fuß stampfen heißt: „Ich möchte mit dir reden.“ In Besprechungen wirft der Gruppenleiter der Hörbehinderten einen Ball zu. Das bedeutet: „Jetzt bist du dran.“ Insgesamt sind derzeit rund 800 Menschen mit einer anerkannten Schwerbehinderung in dem Automobilwerk beschäftigt. Sie sind hör-, sprach- oder sehbehindert oder haben eine körperliche Einschränkung.

Leistung bringen – wie alle anderen

So wie Tobias Benedix. Der heute 22-Jährige ist seit einem Unfall kurz vor der geplanten Prüfung zum Kfz-Mechatroniker querschnittsgelähmt. Lange lag er im Krankenhaus. Dann folgte ein Jahr Reha.

Doch weder er noch der Betrieb gaben auf. „Ich habe meine Ausbildung beendet und wurde danach übernommen“, sagt Benedix. Weil er aber in seinem erlernten Beruf nicht arbeiten kann, wird er weitergebildet – im Bereich der Arbeitsplanung und -vorbereitung.

So kann er die Leistung erbringen, auf die es dem Unternehmen neben der sozialen Verantwortung schließlich auch noch ankommt. „Wertschöpfender Einsatz“ heißt der Begriff, der dafür im Mercedes-Benz-Werk entstanden ist.

Maren Rust steht inzwischen wieder am Band in Halle 3. Voll konzentriert ist sie bei der Arbeit. Jeder Handgriff sitzt. Die Leistung stimmt. So wie bei allen anderen Mitarbeitern auch.

Lothar Steckel

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