Windenergie: Die Bewerber bei Elbcampus müssen schwindelfrei sein: AKTIV im Norden

Bewerbung in 70 Meter Höhe

Windenergie: Die Bewerber bei Elbcampus müssen schwindelfrei sein

Casting-Shows boomen, auch wenn vieles dabei nur Show ist und die meisten Gewinner zu Recht schnell wieder vergessen sind. Beim Wind-Casting im Alten Land bei Hamburg ist das anders. Hier sind echte Siegertypen gefragt, Menschen mit starken Nerven und gut trainierten Beinmuskeln. Denn wenn der Elbcampus, das Bildungszentrum der Handwerkskammer Hamburg, zum Höhentauglichkeitstest einlädt, heißt es: Angst überwinden und klettern.

Fast 70 Meter führt die schmale Steigleiter in einem Stück nach oben. Wer hier auf halbem Wege schlappmacht, muss in einer aufwendigen Bergeaktion von Kletterprofis abgeseilt werden.

Oben in der Gondel angekommen, entschädigt der Blick für die Strapazen des Windcastings – und offenbart sofort, warum sich der Elbcampus bei der Nachwuchsrekrutierung so viel Mühe gibt: Wohin das Auge auch schweift, überall stehen riesige Windräder. Sie alle müssen regelmäßig gewartet und repariert werden. Und dafür braucht die Branche immer mehr Fachkräfte.

Einer, dem der Aufstieg leicht fällt, und der als gelernter Gerüstbauer den Höhentauglichkeitstest mit links besteht, ist Silvan Zinser (31). Schließlich balancierte er über zehn Jahre auf Kirchtürmen und Brückenpfeilern. Davor war er als Seemann auf schwankenden Schiffen unterwegs.

Bedenken hat er nur wegen der fachlichen Prüfungen. „Seit Ewigkeiten schon habe ich keine Schule mehr besucht“, erzählt Zinser. „Das wird nicht einfach.“

In 1.000 Unterrichtsstunden bildet der Elbcampus in einem sechsmonatigen Kurs die angehenden Windenergie-Servicetechniker aus. Insgesamt müssen zwölf Zertifikate erworben werden, darunter auch in Elektronik, Steuerungstechnik, Laminierung, Hydraulik und Fach-Englisch. Quasi nebenbei gibt es dann noch das Zertifikat zum Industriekletterer Offshore (FISAT Level 1 und 2).

Auf die Teilnehmer wartet also eine Menge Stoff. Für Zinser kein Problem: „Das Gesamtpaket überzeugt: die Weiterbildungsmöglichkeiten, die Perspektiven, die umweltfreundliche Energiegewinnung und das Abenteuer.“

Der Fachkräftebedarf der Windbranche steigt weiter

Auch Alexander Braasch (33) sieht in der Branche seine berufliche Zukunft. „Windenergie finde ich gut, und Klettern macht mir sogar Spaß.“ Als Mechaniker fuhr er einige Jahre zur See und „verbrannte Schweröl“. Jetzt soll es etwas Sauberes sein – möglichst Offshore.

Mit seinem beruflichen Hintergrund zählt Braasch zu den Top-Kandidaten von Michael John, Chef der Zeitarbeitsfirma Allcon. Das Hamburger Unternehmen vermittelt seit 2003 Windkraft-Fachkräfte an Firmen im In- und Ausland.

Um der hohen Nachfrage gerecht zu werden, bietet Elbcampus seit 2007 die Weiterbildung an. Eine sinnvolle Idee, wie sich bald zeigte, das Angebot wird gut angenommen. Bisher wurden über 300 Fachkräfte für Windenergie ausgebildet.

Trotz aller Debatten um die Energiewende glaubt Allcon-Geschäftsführer John an die Branche. „Der Fachkräftebedarf steigt weiter“, sagt er. Zum einen seien die Auftragsbücher gut gefüllt, zum anderen stünden allein in Norddeutschland rund 800 Alt-Anlagen, die ersetzt oder modernisiert werden müssen.

John sucht vor allem Fachkräfte aus der Metall- und Elektro-Industrie. „Der ideale Kandidat hat eine Ausbildung im Bereich Elektrik, ist teamfähig, zuverlässig, flexibel und spricht passabel Englisch – schließlich sind wir international unterwegs.“

Einzelkämpfer können gleich zu Hause bleiben

Das Alter spielt bei der Weiterbildung keine große Rolle, solang man fit genug ist. Unerlässlich ist dagegen die Teamfähigkeit. „Als Fachkraft Windenergie arbeitet man immer im Team. Und gerade beim Klettern muss man sich 100-prozentig aufeinander verlassen können.“

Einzelkämpfer können also gleich zu Hause bleiben. Auch eine gewisse Reisebereitschaft sollte man mitbringen, denn als Fachkraft Windenergie ist man meist mit Montagejobs beauftragt, zumindest im Onshore-Einsatz. In der Praxis heißt das oft: Mitten in der Nacht die Tasche packen, weit aufs Land fahren und ein Windrad reparieren. Mit einem geregelten Familienleben ist das nur schwer vereinbar.

Deshalb möchten viele Job-Anwärter auch schnell einen der begehrten Offshore-Jobs ergattern. „Wer auf See arbeitet, kann gut planen“, sagt John. „In der Regel fliegen wir unsere Leute für zwei Wochen zur Wohnplattform auf dem Meer, danach gibt es wieder zwei Wochen Urlaub.“

Auch die Ex-Seeleute Braasch und Zinser möchten nach der Weiterbildung hinaus auf die Nordsee. Es stimmt wohl doch, was die Seeleute sagen: Wenn das Meer dich einmal im Bann hat, lässt es dich nicht mehr los.


Begegnung mit …

Auf geht’s: Rodrigo Soares erklimmt gleich ein Windrad. Foto: Augustin
Auf geht’s: Rodrigo Soares erklimmt gleich ein Windrad. Foto: Augustin

Rodrigo Soares: Oben angekommen

Der Lebensweg von Rodrigo Soares ist so bunt wie sein Heimatland: In Brasilien geboren, kam er im Alter von 15 Jahren nach Deutschland und begann nach der Schule eine Lehre im Hotelfach. Weil er aber lieber auf See ist, brach er die Lehre ab und begann eine Job-Odyssee in verschiedenen Werften und Reedereien. Zwischendurch absolvierte der 27-Jährige noch eine Lehre als Bootsbauer.

Die Beraterin empfahl eine Weiterbildung

2013 arbeitete Soares als Aufbaumonteur und half beim Bau der Fundamente für neue Windparks. Als sein Arbeitgeber den Betrieb einstellte, riet ihm seine Beraterin beim Arbeitsamt zur Weiterbildung. „Ein Volltreffer“, sagt er heute. Anfang 2014 begann er die sechsmonatige Weiterbildung.

„Die Theorie und die Zertifikate in Hydraulik und Elektrik fielen mir extrem schwer, aber es hat sich gelohnt.“ Noch während der Prüfungsphase kam Soares mit Allcon ins Gespräch – man wurde sich schnell einig. „Alles läuft wie geplant: Der Zusammenhalt in der Firma ist klasse, fast schon familiär. Hier sehe ich eine Zukunft für mich.“

Mein Job

Wie kamen Sie zu Ihrem Job?
Noch während meiner Ausbildung lernte ich Allcon kennen. Ein Vorstellungsgespräch reichte, pünktlich zum letzten Ausbildungstag bekam ich meinen Arbeitsvertrag.

Was gefällt Ihnen besonders?
Die Einsätze im Offshore-Bereich. Ich mag das Meer, dort will ich arbeiten.

Worauf kommt es an?
Die Arbeit ist körperlich anstrengend, gleichzeitig braucht man technisches Verständnis.

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