Warum sich Umschulung auch noch mit über 50 lohnt: AKTIV im Norden

Aus dem Bergwerk auf die Windturbine

Warum sich Umschulung auch noch mit über 50 lohnt


Wer Holger Ahrend an seinem Arbeitsplatz besuchen will, sollte schwindelfrei sein. Und fit. „Außerdem wäre es gut, wenn Sie Wasser mitbringen“, hatte der 52-Jährige morgens noch am Telefon gesagt. „Bis später dann, wir sehen uns oben.“

Wasser? Warum das? Einige Stunden und 460 Stufen später wissen wir es. Der Aufstieg auf die 76 Meter hohe Windkraftanlage, die Ahrend an diesem heißen Sommertag wartet, verlangt selbst sportlichen Menschen einiges ab.

Einen Aufzug gibt es nicht in dem engen Turm, nur eine ziemlich schmale Leiter. Unser Respekt vor Reinhold Messner und seinen alpinistischen Leistungen ist dramatisch gewachsen, als wir endlich oben angekommen sind.

Ahrend lacht. „Erst mal hinsetzen und was trinken. Sonst dehydrieren Sie. Das war das Erste, was ich in diesem Beruf gelernt habe.“

Während wir die Flasche leeren und die Aussicht genießen, erzählt der Servicetechniker für Windenergieanlagen, wie er zu seinem Job gekommen ist. Ein langer Weg, wie sich herausstellt, denn eigentlich stammt Ahrend aus dem Bergbau.

„Geografisch bedingt“, erzählt er. „In meiner Geburtsstadt Elbingerode im Harz gab es ein Bergbau- und Hüttenkombinat, in dem Schwefelkies abgebaut wurde.“ Dort machte Ahrend eine Lehre als Instandhaltungsmechaniker und arbeitete nach Ausbildung und Wehrdienst noch fünf Jahre lang unter Tage.

Als der Förderbetrieb nach der Wende geschlossen wurde, ging er als Schweißer in eine Zuckerfabrik und von dort zum Fotokonzern Cewe Color in Bad Schwartau. Aber auch dort gab es bald wirtschaftliche Probleme, weil der Siegeszug der Digitalkameras das klassische Fotogeschäft überflüssig machte.

Ahrend ließ den Kopf nicht hängen und suchte sich einen neuen Job. Nach einem Intermezzo als Fernfahrer für ein holländisches Unternehmen landete er bei der Lübecker Gummifirma Lubeca.

Dort wäre er vermutlich heute noch, hätte er nicht eine Allergie gegen die im Betrieb verwendeten Chemikalien entwickelt. Eine klassische Berufskrankheit, nicht zu ändern. Ahrend, gerade 50 Jahre alt geworden, musste sich erneut auf dem Arbeitsmarkt umsehen.

Diesmal half ein Zufall. „Ein Ex-Kollege erzählte, es gebe einen großen Bedarf an Servicetechnikern für Windenergieanlagen.“ Ahrend informierte sich und begann Ende 2012 in Lübeck mit der Fortbildung.

Sein Bekannter hatte recht – unmittelbar nach Abschluss der Maßnahme bekam Ahrend eine Anstellung. Sein Arbeitgeber ist nun das Hamburger Unternehmen Allcon, das sich als Zeitarbeitsfirma auf die Windbranche spezialisiert hat.

Ahrend ist zufrieden. „Meine Arbeit macht mir richtig Spaß“, sagt er. „Man kommt dabei viel herum, und man hat jede Menge Abwechslung.“ Selbst das tägliche Klettern gefällt ihm. „Das hält fit. Mittlerweile bin ich schneller oben als einige Kollegen, die halb so alt sind wie ich.“

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