Warum eine Friseurin gegen den Mindestlohn wettert: AKTIV im Norden

Die Regierungspläne und ihre Folgen

Warum eine Friseurin gegen den Mindestlohn wettert


Guben. Aldi-Filiale, Billig-Bäcker, Matratzen-Outlet – auf den ersten Blick ist das Neiße-Center im brandenburgischen Guben ein ödes Einkaufszentrum. Wenn da nicht der „Salon Haarmonie“ wäre. Im kleinen Friseur-Eckladen arbeitet Uta Lanzke. Haarmonie – das mag nach heiler Welt klingen. Friseurin Lanzke aber ist gerade auf Krawall gebürstet. Weil sie, Achtung!, bald mehr verdienen soll. „Irrsinn ist das“, schimpft sie.

Der Grund für ihren Groll hat einen Namen: Mindestlohn.

„Der bringt uns gar nichts“, schimpft die 44-Jährige im Hinterzimmer, während die Kolleginnen vorne färben und föhnen. „Im Gegenteil, der wird wohl manche Kollegin den Job kosten.“

Fünf Millionen Beschäftigte sind potenziell betroffen

Zum Mitschreiben: Eine schlecht bezahlte Friseurin hält den Mindestlohn für Mist. Da ahnt man: Die Sache ist irgendwie komplex. Mindestlohn also, Zankapfel der Nation. Kaum eine politische Entscheidung ist so umstritten wie die von der Regierung beschlossene allgemeine Lohnuntergrenze.

Ab 2015 soll sie kommen, 8,50 Euro pro Stunde betragen und spätestens 2017 für alle gelten. Der Plan spaltet.

„Der Mindestlohn killt Jobs, schadet der Wirtschaft“, sagen die Gegner. „Der Mindestlohn verhindert Lohndumping, stärkt die Konjunktur“, sagen Befürworter.

92 Prozent der Niedriglöhner sind Teilzeitkräfte

Laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin arbeiten über fünf Millionen Beschäftigte für weniger als 8,50 Euro. 92 Prozent sind Teilzeitkräfte, darunter viele Hausfrauen, 43 Prozent sind Studenten, Rentner und Arbeitslose. Die allermeisten verdienen ihre Brötchen in industriefernen Dienstleistungsbranchen: Floristik, Gartenbau, Gastronomie, Einzelhandel.

Oder eben als Friseurin wie Uta Lanzke. Der Salon Haarmonie ist pickevoll an diesem sonnigen Februartag, Lanzke berät, zeigt Bilder von Frisurmodellen, sie ist in ihrem Element. „Ich liebe Haare!“ Als sie vier war und allein im Kinderzimmer, schnitt sie ihren Puppen mit der Bastelschere die Haare ab. In die elterliche Bäckerei einzusteigen, kam für sie nie infrage, sie wollte immer bloß eines: „Haare schneiden!“ Jetzt fürchtet sie, dass es bald vorbei sein könnte mit der „Haarmonie“. Wegen des Mindestlohns.

7 Euro pro Stunde verdient Lanzke derzeit, brutto und in Vollzeit. Weil das Friseurgewerbe dem gesetzlichen Mindestlohn zuvorkam, Arbeitgeber und Gewerkschaft sich auf allgemeinverbindliche 8,50 Euro einigten, bekommt Lanzke also 1,50 Euro mehr, ab August nächsten Jahres.

„Das bringt mir aber nichts“, sagt sie im Hinterzimmer des Salons, vor ihr ein dampfender Teller Salzkartoffeln, das Mittagessen. Erstens fresse die Steuer fast alles wieder auf. „Und zweitens müssen wir das Geld im Geschäft doch irgendwie erst erwirtschaften.“

Akzeptieren die Kunden höhere Preise? Oder gehen sie nach Polen?

Was hier, in der Lausitz, nicht so einfach ist. 19.000 Einwohner hat Guben, es gibt eine hübsch sanierte Altstadt, zu DDR-Zeiten war man stolz auf die lokale Textil-Industrie. In deren alter Fabrik aber sitzen nun das Rathaus und eine Musikschule – die neuen Zeiten halt.

Das Tourismusbüro wirbt zwar mit der polnischen Schwesterstadt Gubin auf der anderen Seite der Neiße, wer rüber will, muss nur über die Brücke spazieren. Doch da liegt auch das Problem. „Bei uns kostet ein Herrenschnitt 9 Euro, in Polen nur die Hälfte“, sagt Friseurin Lanzke. „Wenn der Mindestlohn kommt, müssen wir die Preise anheben. Aber machen die Kunden mit? Oder gehen sie nach Polen?“

Das fragt sich ihre Chefin auch. „Ich weiß es einfach nicht“, sagt Sylke Schulz, die Geschäftsführerin des Salon Haarmonie. Ihr kleines Haar-Imperium umfasst noch vier weitere Läden. Bereits letztes Jahr habe man die Preise angehoben, um gut 2 Euro pro Haarschnitt, um höhere Löhne zu finanzieren. Davor verdienten Lanzke und ihre 35 Kolleginnen noch weniger, zwischen 5 und 5,80 Euro pro Stunde. „Die Kunden haben damals die Preiserhöhung verstanden“, sagt Schulz. „Aber noch mal? Irgendwo ist die Grenze erreicht.“ Und wenn sie überschritten ist? „Dann muss ich einen Salon dichtmachen.“

Ist das alles jetzt nur ein Gubener Problem? Wegen der Nähe zu Polen? Zwar liegen die untersten Tariflöhne in den großen Industriebranchen, wie Auto- und Maschinenbau oder Chemie, meilenweit über 8,50 Euro. Doch abseits dieser volkswirtschaftlichen Dickschiffe gibt es viele vergleichbare Umstände, die wenig Spielraum beim Lohn lassen.

Experten erwarten mehr Schwarzarbeit

Die Blumenhändler kämpfen gegen die Konkurrenz der Discounter, die Buchhändler gegen Amazon, die Kneipen gegen den Trend zum Rückzug in die eigenen vier Wände.

Der Mindestlohn ist ein heikles Sozial-Experiment mit ungewissem Ergebnis. Ökonomen wie Professor Friedrich Schneider von der Uni Linz in Österreich prophezeien eine Flucht in die Schwarzarbeit.

Und ob die Friseurin Uta Lanzke ihren Job behält? Sie sagt: „Die Politik denkt sich was aus. Und wir kleinen Leute müssen es ausbaden.“

Fakten

Familien: Sie profitieren in der Regel gar nicht vom Mindestlohn. Foto: dpa
Familien: Sie profitieren in der Regel gar nicht vom Mindestlohn. Foto: dpa

Der Mindestlohn und seine Folgen

Wer bekommt den Mindestlohn? Ab wann gilt er, und was sind seine Folgen? Und ist er wirklich ein probates Mittel gegen Armut?

AKTIV im Norden hat ein paar Fakten zusammengestellt.

  • Ab 2017 sollen Tarifgruppen unter 8,50 Euro nicht mehr gelten. Branchen wie Friseure, Fleisch-Industrie und Zeitarbeit haben jetzt reagiert – und niedrigere Löhne schon deutlich früher allgemeinverbindlich ausgeschlossen. So werden die Friseure 8,50 Euro ab August 2015 überall zur Untergrenze machen. Die Fleisch-Industrie hat sich auf 8,60  Euro ab Oktober 2015 geeinigt. Und die ostdeutsche Zeitarbeit führt den Mindestlohn bis Juni 2016 ein.
  • 1,3 Millionen Menschen stocken ihren Lohn mit Hartz-IV-Leistungen auf. Aber nur 47.000 arbeiten Vollzeit und sind Single: Nur sie hätten bei 8,50 Euro Mindestlohn effektiv mehr Geld, bei der großen Mehrheit mindert der zusätzliche Verdienst lediglich den Zuschuss vom Amt.
  • Familien mit einem oder zwei Kindern und einem Alleinverdiener beispielsweise erspart der Mindestlohn keineswegs den Gang zum Amt. Einer Studie der Universität Duisburg-Essen zufolge bräuchten solche Familien einen Stundenlohn von etwa 10,70 Euro, um nicht auf staatliche Hilfen angewiesen zu sein. In Regionen mit besonders hohen Lebenshaltungskosten, in München etwa, liegt der Wert noch deutlich höher.
  • Noch ist offen, ob es Mindestlohn-Ausnahmen etwa für Studenten oder Rentner mit Minijobs geben soll. Einer Studie zufolge wären davon rund zwei Millionen betroffen.

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