Voll aufgedreht: AKTIV im Norden

Reportage

Voll aufgedreht


Mit Handwerk und Erfahrung besteht das Drahtseilwerk Bremerhaven gegen Billig-Konkurrenz aus Asien

Seine Kollegen raunen, er könne mit bloßen Händen einen Zimmermannsnagel verbiegen. Wer David Günter an seinem Arbeitsplatz sieht, glaubt das sofort. Der frühere Dachdecker hat Arme wie Arnold Schwarzenegger. In der Bremerhavener Drahtseilwerk GmbH ist er einer der Spezialisten fürs Spleißen, bei dem die aufgeribbelten Enden eines Taus mit einem Kraftakt zu einem „Auge“ geflochten werden.

Rund 80 Mitarbeiter hat die Firma, die zu den letzten ihrer Art in Deutschland zählt und Drahtseile und Kunststoff-Taue für Kunden in aller Welt fertigt. „Nach dem Krieg gab es bundesweit noch etwa 50 Wettbewerber“, erzählt Geschäftsführer Joachim Pahl, „aber die meisten mussten aufgeben.“ Nur knapp ein Dutzend Hersteller konnten sich gegen die Konkurrenz aus Asien und anderen Billiglohnregionen behaupten. Einer davon ist der Betrieb in Bremerhaven.

Pahl kennt das 1934 entstandene Unternehmen schon seit seiner Kindheit. Sein Vater und sein Großvater waren hier in leitenden Funktionen beschäftigt. Pahl selbst gehört seit 1979 zur Firma.

Wie die Reeperbahn zu ihrem Namen kam

Viele der Maschinen, die man heute in Bremerhaven sieht, standen damals bereits in der Halle, eine stammt sogar aus den 50er-Jahren. Ähnlich verhält es sich bei den Beschäftigten. Viele sind seit Jahrzehnten dabei.

Warum genau das ein Teil des Erfolgsgeheimnisses ist, erklärt Michael Halbig. „Die Produktion von Tauen und Drahtseilen hat vor allem mit Erfahrung zu tun. Man muss einfach ein Gefühl für das Material haben“, so der Mitarbeiter, der seit Ende der 80er-Jahre im Unternehmen ist: „Die alten Hasen haben dieses Gefühl und können ihr Wissen an die Jungen weitergeben.“

Einer dieser alten Hasen ist Fikret Gülal, der gerade im vorderen Teil der Halle eine neue Litzenmaschine einrichtet. Solche Maschinen bündeln mehrere Drähte beziehungsweise Garne zu einem Strang, den der Fachmann „Litze“ nennt. Diese wird später zusammen mit der „Einlage“ zu einem Seil zusammengedreht.

Und hier kommt die Reeperbahn ins Spiel, die der Laie meist nur mit der Hamburger Amüsiermeile verbindet. Dabei waren Reeperbahnen ursprünglich eine grundsolide Sache. Auf ihnen wurden nämlich keine Touristen übers Ohr gehauen, sondern Seile geschlagen.

So ein Seil, genannt „Reep“, entstand in schweißtreibender Handarbeit. Der Reepschläger spannte mehrere Leinen über eine lange Bahn und verflocht oder verdrillte sie anschließend zu einem dickeren Tau.

An diesem Verfahren hat sich im Prinzip bis heute nichts geändert, wie man in Bremerhaven sehen kann. Allerdings wird der Großteil der Arbeit nun von Maschinen gemacht, die so lang sind wie einst die Reeperbahnen. Während man damals rufen musste, um sich mit dem Kollegen am anderen Ende zu verständigen, setzt man heute auf Sprechfunk.

Taue für die Aida-Flotte

Auf diesen Maschinen entsteht unter anderem das „Atlas“-Seil, das Mitte der 60er-Jahre als Festmacher für große Schiffe entwickelt wurde und das bis heute als Standard gilt. Besonders stolz sind die Bremerhavener darauf, dass inzwischen auch alle Aida-Schiffe mit ihren Tauen ausgestattet sind.

Kunden kehren reumütig zurück

Ehe die bis zu zehn Zentimeter dicken Seile in den Versand gehen, müssen sie allerdings noch ihr „Auge“ bekommen. Das ist der Job von David Günter und seinen Kollegen in der Spleißerei. Sie flechten die Reep-Enden mithilfe eines schweren Metalldorns so geschickt in das Tau ein, dass eine Schlaufe entsteht.

Die fertigen Produkte finden Einsatz in Kran-Anlagen und Brücken, vor allem aber in der maritimen Wirtschaft. Besonders stolz ist Pahl auf die „Rückkehrer“ unter seinen Kunden, die vorübergehend auf vermeintlich billigere Fabrikate ausweichen und dann wieder bei ihm landen. Namen nennt er keine, aber seine Miene verrät: Solche Fälle gibt es häufiger.

Clemens von Frentz

 

Ehrung: Siegfried Stresow (Dritter von links) erhielt eine Auszeichnung von Daimler-Chef Dieter Zetsche (Mitte). Foto: Werk
Ehrung: Siegfried Stresow (Dritter von links) erhielt eine Auszeichnung von Daimler-Chef Dieter Zetsche (Mitte). Foto: Werk
Altes Haus in neuem Glanz: Über 400 Jahre alt ist der Schafstall, den Siegfried Stresow (rechts) und seine „Kranzbinder“ in Beckdorf wieder aufbauten. Foto: privat
Altes Haus in neuem Glanz: Über 400 Jahre alt ist der Schafstall, den Siegfried Stresow (rechts) und seine „Kranzbinder“ in Beckdorf wieder aufbauten. Foto: privat
Lange dabei: Der Produkt-Controller arbeitet seit 1977 im Hamburger Mercedes-Werk. Foto: Heeger
Lange dabei: Der Produkt-Controller arbeitet seit 1977 im Hamburger Mercedes-Werk. Foto: Heeger

Mit Handwerk und Erfahrung besteht das Drahtseilwerk Bremerhaven gegen Billig-Konkurrenz aus Asien

Seine Kollegen raunen, er könne mit bloßen Händen einen Zimmermannsnagel verbiegen. Wer David Günter an seinem Arbeitsplatz sieht, glaubt das sofort. Der frühere Dachdecker hat Arme wie Arnold Schwarzenegger. In der Bremerhavener Drahtseilwerk GmbH ist er einer der Spezialisten fürs Spleißen, bei dem die aufgeribbelten Enden eines Taus mit einem Kraftakt zu einem „Auge“ geflochten werden.

Rund 80 Mitarbeiter hat die Firma, die zu den letzten ihrer Art in Deutschland zählt und Drahtseile und Kunststoff-Taue für Kunden in aller Welt fertigt. „Nach dem Krieg gab es bundesweit noch etwa 50 Wettbewerber“, erzählt Geschäftsführer Joachim Pahl, „aber die meisten mussten aufgeben.“ Nur knapp ein Dutzend Hersteller konnten sich gegen die Konkurrenz aus Asien und anderen Billiglohnregionen behaupten. Einer davon ist der Betrieb in Bremerhaven.

Pahl kennt das 1934 entstandene Unternehmen schon seit seiner Kindheit. Sein Vater und sein Großvater waren hier in leitenden Funktionen beschäftigt. Pahl selbst gehört seit 1979 zur Firma.

Wie die Reeperbahn zu ihrem Namen kam

Viele der Maschinen, die man heute in Bremerhaven sieht, standen damals bereits in der Halle, eine stammt sogar aus den 50er-Jahren. Ähnlich verhält es sich bei den Beschäftigten. Viele sind seit Jahrzehnten dabei.

Warum genau das ein Teil des Erfolgsgeheimnisses ist, erklärt Michael Halbig. „Die Produktion von Tauen und Drahtseilen hat vor allem mit Erfahrung zu tun. Man muss einfach ein Gefühl für das Material haben“, so der Mitarbeiter, der seit Ende der 80er-Jahre im Unternehmen ist: „Die alten Hasen haben dieses Gefühl und können ihr Wissen an die Jungen weitergeben.“

Einer dieser alten Hasen ist Fikret Gülal, der gerade im vorderen Teil der Halle eine neue Litzenmaschine einrichtet. Solche Maschinen bündeln mehrere Drähte beziehungsweise Garne zu einem Strang, den der Fachmann „Litze“ nennt. Diese wird später zusammen mit der „Einlage“ zu einem Seil zusammengedreht.

Und hier kommt die Reeperbahn ins Spiel, die der Laie meist nur mit der Hamburger Amüsiermeile verbindet. Dabei waren Reeperbahnen ursprünglich eine grundsolide Sache. Auf ihnen wurden nämlich keine Touristen übers Ohr gehauen, sondern Seile geschlagen.

So ein Seil, genannt „Reep“, entstand in schweißtreibender Handarbeit. Der Reepschläger spannte mehrere Leinen über eine lange Bahn und verflocht oder verdrillte sie anschließend zu einem dickeren Tau.

An diesem Verfahren hat sich im Prinzip bis heute nichts geändert, wie man in Bremerhaven sehen kann. Allerdings wird der Großteil der Arbeit nun von Maschinen gemacht, die so lang sind wie einst die Reeperbahnen. Während man damals rufen musste, um sich mit dem Kollegen am anderen Ende zu verständigen, setzt man heute auf Sprechfunk.

Taue für die Aida-Flotte

Auf diesen Maschinen entsteht unter anderem das „Atlas“-Seil, das Mitte der 60er-Jahre als Festmacher für große Schiffe entwickelt wurde und das bis heute als Standard gilt. Besonders stolz sind die Bremerhavener darauf, dass inzwischen auch alle Aida-Schiffe mit ihren Tauen ausgestattet sind.

Kunden kehren reumütig zurück

Ehe die bis zu zehn Zentimeter dicken Seile in den Versand gehen, müssen sie allerdings noch ihr „Auge“ bekommen. Das ist der Job von David Günter und seinen Kollegen in der Spleißerei. Sie flechten die Reep-Enden mithilfe eines schweren Metalldorns so geschickt in das Tau ein, dass eine Schlaufe entsteht.

Die fertigen Produkte finden Einsatz in Kran-Anlagen und Brücken, vor allem aber in der maritimen Wirtschaft. Besonders stolz ist Pahl auf die „Rückkehrer“ unter seinen Kunden, die vorübergehend auf vermeintlich billigere Fabrikate ausweichen und dann wieder bei ihm landen. Namen nennt er keine, aber seine Miene verrät: Solche Fälle gibt es häufiger.

Clemens von Frentz

 

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