Kapitalismus für alle: AKTIV im Norden

Investivlohn

Kapitalismus für alle

Die Regierung will unser Geld in Firmenanteile lenken

Berlin. Es klingt Klasse: Die deutsche Wirtschaft soll verstärkt den Arbeitnehmern gehören. Mit bis zu einer Milliarde Euro im Jahr will es die Bundesregierung künftig belohnen, wenn ein Teil des Arbeitsentgelts nicht ausgegeben, sondern in Firmenanteile investiert wird. Ab Herbst wird an einem entsprechenden Gesetz gearbeitet – es ist das wichtigste Vorhaben der Großen Koalition bis zur Neuwahl im Herbst 2009. Doch seltsam: Nicht mal die größte Gewerkschaft ist so richtig begeistert.

Das Projekt sei als Reformschlager „kaum geeignet“, heißt es in einem Vorstandspapier der IG Metall. „Bei der Altersarmut sind eher neue Modelle gefragt als bei Belegschaftsbeteiligungen.“ Die Befürchtung: Geld, das man besser in sicherer Form für den Ruhestand zurücklegt, wird durch das neue Förderprogramm in mehr oder weniger riskante Firmenanteile umgelenkt. „Es bleibt bei unserer klaren tarifpolitischen Prioritätensetzung“, heißt es weiter in dem Papier: „Altersvorsorge

vor Vermögensbildung.“

„Man kann Geld nur einmal investieren“

Martin Kannegiesser, Chef des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, stößt bei diesem Thema ins gleiche Horn: „Die Mitarbeiter können den Euro nur einmal investieren.“ Erst letztes Jahr haben die Tarifpartner der Metall- und Elektro-Industrie gemeinsam eine Richtungsentscheidung getroffen:

Die „vermögenswirksamen Leistungen“ des Arbeitgebers, die der Staat ja seit jeher fördert, werden nur noch gewährt, wenn sie in die Altersvorsorge fließen. Das angesparte Geld kann der Arbeitnehmer also nicht mehr vor Rentenbeginn für andere Zwecke verfrühstücken. „Von diesem Weg sollten wir uns nicht abbringen lassen“, so Kannegiesser.

Natürlich stellt keiner die vielen freiwilligen Initiativen vor Ort infrage: Nach Regierungsangaben halten bundesweit zwei Millionen Arbeitnehmer in 3.600 Firmen Anteile am Kapital: meist als Belegschaftsaktien, aber auch in anderen Formen wie etwa stillen Beteiligungen, Mitarbeiterdarlehen, Genussrechten und Genossenschaftsanteilen.

Die Kritik richtet sich nur gegen die Idee, dies mit viel Steuergeld zur flächendeckenden Norm zu machen.

Die meisten Firmen können schon allein wegen ihrer Rechtsform gar keine Anteile ausgeben.

Überdies ist die Sache für viele Arbeitnehmer gefährlich: „Geht das Unternehmen pleite, verliert er nicht nur seinen Job, sondern auch seine Ersparnisse“, warnt der Chef des Sachverständigenrats („Fünf Weisen“), der Darmstädter Wirtschaftsprofessor Bert Rürup. Und sein Würzburger Kollege Norbert Berthold widerspricht einer verbreiteten Vermutung: „Mit Investivlöhnen gelingt es nicht, die Arbeitnehmer nachhaltig stark zu motivieren.“ Der Effekt, das zeigten Studien aus der Praxis, sei „eher bescheiden“.

Ulrich von Lampe

Info: Arbeitnehmer und Aktien

Mit Firmenanteilen kann man, wenn es schlecht läuft, auch viel Geld verlieren. Den meisten Arbeitnehmern ist diese Form der Vermögensanlage nach wie vor suspekt. Das zeigt die neueste Umfrage des Deutschen Aktieninstituts (Stand: erstes Halbjahr 2007).

     

  • 5 Prozent der Facharbeiter haben Geld direkt in Aktien angelegt, weitere 9 Prozent nur indirekt über Investmentfonds.
  • Bei den (nicht leitenden) Angestellten sind es nicht viel mehr: 8 Prozent sind direkt, weitere 12 Prozent indirekt Aktionär.
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