Im Mercedes-Kompetenzzentrum in Bremen lernen Facharbeiter aus vier Kontinenten: AKTIV im Norden

Lernen vom Weltmeister

Im Mercedes-Kompetenzzentrum in Bremen lernen Facharbeiter aus vier Kontinenten


Faith Haya greift zur Sprühpistole, trägt noch mal Lack auf und wirft einen prüfenden Blick auf die Fläche der Motorhaube. Alles okay, signalisiert ihr Bremer Kollege Andreas Fichtner. Die Südafrikanerin und der Deutsche trainieren gemeinsam für ein Ziel: den Produktionsstart der neuen C-Klasse im Mercedes-Werk East London in Südafrika.

Die C-Klasse ist ein echtes Erfolgsmodell. Seit ihrer Einführung Anfang der 90er-Jahre wurden rund 8,5 Millionen Exemplare ausgeliefert. Es ist der einzige Pkw von Mercedes-Benz, der auf vier Kontinenten gebaut wird. Innerhalb von sechs Monaten nehmen die Werke in Bremen, East London, Peking (China) und Tuscaloosa (USA) die Produktion auf.

Investitionen von rund 2 Milliarden Euro

Der Kostenaufwand ist erheblich – in den Jahren 2014 und 2015 werden insgesamt 2 Milliarden Euro in die Produktion der neuen C-Klasse investiert. Etwa die Hälfte davon fließt in das Werk an der Weser.

Die Kunden in aller Welt erwarten ein Auto in Top-Qualität, unabhängig davon, wo es gebaut wird. Für den Hersteller ist das Herausforderung und Ansporn zugleich. Alle Werke müssen gleich hohe Qualitätsstandards einhalten, die Mitarbeiter in vergleichbaren Prozessen arbeiten und gleiche Fertigungsverfahren anwenden.

Das Bremer Werk nimmt in der globalen Produktion der volumenstärksten Mercedes-Benz-Baureihe eine Schlüsselrolle ein: Es ist das sogenannte Lead-Werk. Die Hanseaten sind daher unter anderem auch für die Unterstützung bei der Qualifizierung der ausländischen Kollegen zuständig.

Produktionsstart in Bremen war im Februar. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich bereits die ersten Mitarbeiter aus Südafrika vor Ort.

Innerhalb von fünf Monaten wurden insgesamt 200 Südafrikaner in zwei Gruppen qualifiziert. Sandra Laack, Leiterin des Personalmanagements im Werk Bremen: „Unsere ausländischen Kolleginnen und Kollegen haben sich mit Hybridmotoren, neuen Lackierungen und jeder Menge Elektronik auseinandergesetzt, mit ihren deutschen Kollegen trainiert und Seminare und Vorträge besucht.“

Ein echter Kraftakt für die Organisatoren – immerhin sollten jeweils 100 Menschen für mehrere Wochen in die Arbeitsprozesse eingebunden werden. Dabei mussten Schichtpläne abgestimmt, individuelle Trainingspläne aufgestellt und Schulungsinhalte entwickelt werden.

Grenzüberschreitende Unternehmenskultur

Es ging aber nicht nur um rein Fachliches, sondern auch um kulturelle und persönliche Werte. „Wesentlich für unseren Erfolg an allen Standorten ist der enge Austausch der Mitarbeiter untereinander“, so Personalmanagerin Sandra Laack. In der Globalisierung habe nur Erfolg, wer mit internationalen Teams über Ländergrenzen hinweg vernetzt arbeite. „Deshalb fördern wir den interkulturellen Austausch nach dem Motto ‚Vier Kontinente. Eine Leidenschaft‘.“

Kulturelle Unterschiede gibt’s genug. Joseph Murrelier, Mitarbeiter aus der Instandhaltung im Werk East London, zählt ein paar Eigenheiten auf. „Die Deutschen sind sehr ordnungsliebend und gehen immer systematisch vor. Sie sind pünktlich und achten sehr auf Qualität.“

Das Bremer Werk – immerhin das zweitgrößte Pkw-Werk im Produktionsverbund von Mercedes-Benz – hat bei ihm einen bleibenden Eindruck hinterlassen. „Hier ist alles viel größer und weitläufiger als bei uns. In einer Halle arbeiten fast so viele Menschen wie im ganzen Werk in East London.“

Ein „Bergfest“ für alle Beteiligten

Auch seine Kollegin Faith Haya ist beeindruckt. Nicht nur von den Dimensionen der Bremer Autofabrik, sondern auch von einigen Eigenschaften ihrer Gastgeber. „Kein Wunder, dass Deutschland als Weltmeister unter den Autobauern gilt. Hier klappt einfach alles, selbst der Nahverkehr. Alle Busse sind auf die Minute pünktlich.“

Um deutsche und südafrikanische Kulturen einander näherzubringen, haben sich die Bremer Gastgeber einiges einfallen lassen. Die Mitarbeiter aus East London besuchten zum Beispiel ein Fußball-Bundesligaspiel im Weserstadion, unternahmen Ausflüge in die Umgebung und erkundeten andere Firmen. Viele wurden zu den Bremer Kollegen nach Hause eingeladen, lernten deutsches Essen und Gastlichkeit kennen.

Nach der ersten Hälfte ihres Deutschland-Aufenthalts organisierte der Personalbereich ein „Bergfest“ mit typisch deutschen Speisen und Getränken. Bei Bratwurst und Bier kam man sich schnell näher, die Südafrikaner steuerten landestypische Gesänge und Tänze bei.

In Südafrika geben die 200 trainierten Mitarbeiter ihr Know-how an die Kollegen vor Ort weiter, wirken als Multiplikatoren. Neben diesem gewünschten Ergebnis hat sich aber bei vielen Südafrikanern ein weiterer Effekt eingestellt. Sie verlassen Bremen mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Denn so wie Joseph Murrelier geht es sicher vielen anderen Mercedes-Mitarbeitern: „Ich habe in Bremen Freunde gefunden. Es war eine großartige Zeit.“ Sein heimisches Werk in East London beschäftigt rund 2.800 Mitarbeiter, liegt etwa eineinhalb Flugstunden östlich von Kapstadt am Indischen Ozean und zählt zu den modernsten Autofabriken der Welt. Die neue C-Klasse ist bereits die dritte Fahrzeuggeneration, die dort produziert wird. Das amerikanische Pendant in Tuscaloosa (Bundesstaat Alabama) hat 3.100 Mitarbeiter, in Peking sind es sogar rund 9.000 Beschäftigte. Bremen hat im vergangenen Jahr mit etwa 12.700 Mitarbeitern rund 300.000 Fahrzeuge produziert. Das Werk ist der größte private Arbeitgeber in der Hansestadt.

Mercedes-Benz-Werk Bremen

Das Bremer Werk im Stadtteil Sebaldsbrück ist mit seinen rund 12.700 Mitarbeitern das zweitgrößte Pkw-Werk des Daimler-Konzerns und gleichzeitig der größte private Arbeitgeber der Region. Im Jahr 2013 liefen hier rund 300.000 Autos vom Band.

Aktuell produziert das Werk acht Modelle, darunter die C-Klasse-Fahrzeuge und die beiden Roadster SLK und SL.

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