Flügel gegen die Seekrankheit: AKTIV im Norden

Schiffbau

Flügel gegen die Seekrankheit


Blohm + Voss Industries baut Stabilisatoren für Schiffe

Langsam, Zentimeter für Zentimeter, hebt sich die tonnenschwere Fracht am Haken. Im gleichen Tempo neigt sich der Schwimmkran zur Seite, als würde er gleich unter dem Gewicht seiner Last ins Hafenbecken kippen. Aber die Crew von Blohm + Voss Industries hat perfekte Vorarbeit geleistet – der Kran ist so austariert, dass der Kasten sicher auf dem Transportschiff landet.

Das rund zehn Meter lange, rostbraun lackierte Ungetüm kommt auf ein Gesamtgewicht von 115 Tonnen und beherbergt eine technische Raffinesse, ein echtes Wunderwerk der Werft-Industrie. Es handelt sich um einen ausschwenkbaren Flossen-Stabilisator, der dank elektronischer Steuerung dafür sorgt, dass Schiffe auch bei rauer See und extremem Wellengang ruhig durch das Wasser gleiten.

Kreuzfahrt-Boom sorgt für Aufträge

Die Blohm + Voss Industries GmbH (BVI) zählt zu den international führenden Herstellern dieser Stabilisatoren. Das Hamburger Unternehmen war bis Mitte der 90er-Jahre ein Geschäftsbereich der Traditionswerft Blohm + Voss und ist heute ein eigenständiger Hersteller von Schiffskomponenten mit etwa 320 Beschäftigten am Standort Hamburg.

 

BVI-Sprecher Malte Blombach: „Zu unserer Produktpalette gehören drei Bereiche, die sich gut ergänzen: Abdichtungen und weitere Komponenten für die Wellen, mit denen Schiffsschrauben angetrieben werden, Entöler für die Reinigung des sogenannten Bilgewassers im Schiff und eben Stabilisierungssysteme.“ Mehr als 580 Schiffe weltweit wurden bisher mit diesen BVI-Stabilisatoren ausgestattet, und derzeit deutet nichts darauf hin, dass die Nachfrage sich abschwächen könnte.

Im Gegenteil, der europäische Reederei-Verband ECC erwartet für die kommenden Jahre eine Fortsetzung des aktuellen Kreuzfahrt-Booms und zahlreiche Neufträge für die europäischen Schiffsbauer.

Gerade wird in der Hamburger Montagehalle wieder ein neues Paar Stabilisatoren fertiggestellt. Der erste Blick auf die beiden Elemente weckt Erinnerungen an den Flugzeugbau: Die Stabilisatoren haben eine gewisse Ähnlichkeit mit den Schwenkflügeln eines Kampfjets, auch wenn sie erheblich größer und schwerer sind.

Montageleiter Peter Winkler erklärt das Prinzip: „Der Vergleich ist durchaus passend. Moderne Stabilisatoren sind tatsächlich nichts anderes als seitlich ausfahrbare Flossen, die ungefähr in der Mitte des Schiffs unterhalb der Wasserlinie angebracht werden. Ihre Aufgabe besteht darin, das sogenannte Rollen zu verhindern.“

Unter Rollen, auch „Schlingern“ genannt, versteht man die Seitwärtsbewegung des Schiffs, also eine Drehung um die Längsachse. Diese schaukelnde Rotation irritiert die Gleichgewichtsorgane des Körpers und führt sofort zu Übelkeit.

Angetrieben werden die Stabilisatoren durch eine ausgefeilte Hydraulik, mit der man die ausgefahrenen Flossen ihrerseits um die Längsachse drehen kann. Winkler demonstriert den Effekt mit der flachen Hand: „Wenn der Stabi einfach nur waagerecht durchs Wasser gleitet, erzeugt er keinen Auftrieb. Ändert man aber den Anstellwinkel, geht es nach oben oder nach unten. So kann man den unerwünschten Bewegungen des Schiffs noch gezielter entgegenwirken.“

Patent reduziert den Energieverlust

Die elektronische Steuerung für die Hydraulik steckt in dem Gehäuse, in dem der Stabilisator ruht, wenn er nicht ausgefahren ist. Dieser Kasten wird von BVI nach den Vorgaben der Werft passgenau geliefert und anschließend in eine Öffnung in der Außenwand des Schiffes eingesetzt.

Ein Detail, auf das die BVI-Tüftler besonders stolz sind, befindet sich an der Flossenspitze. Dort sitzen kammartige Elemente. Auf diese „Anti Vortex Tip Fairings“ haben die Hamburger ein Patent, wie Peter Winkler stolz erklärt: „Sie verbessern den Auftrieb ganz erheblich und reduzieren den durch Wirbel bedingten Energieverlust.“

Wenn der Kapitän was vergisst ...

Und warum sind die Flossen ausklappbar und nicht einfach starr montiert? Winkler zeigt auf einen Stabilisator im Reparaturbereich der Halle: „Vor allem, weil sie beim Anlegen, beispielsweise an Kaimauern beschädigt werden können. Wir haben daher extra ein elektronisches Warnsystem installiert. Es informiert das Personal auf der Brücke rechtzeitig vor der Einfahrt in den Hafen.“ Dann müssen die Stabilisatoren eingeschwenkt werden.

Was der eine oder andere Kapitän schon mal vergisst. Der Montageleiter blickt auf das ramponierte Exemplar und grinst: „Dank solcher gelegentlichen Pannen geht auch unseren Kollegen in der Reparaturabteilung die Arbeit nicht aus.“

Clemens von Frentz

 

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