Europa im All: Galileo nimmt Form an: AKTIV im Norden

Satellitennavigation

Europa im All: Galileo nimmt Form an

Für 23.000 Kilometer brauchten Andriana und Liene nicht mal vier Stunden. Aus dieser Entfernung senden die beiden 715 Kilogramm schweren Satelliten seit ihrem Start vor einigen Wochen ihre Daten zur Erde.

Willkommen bei Galileo, dem teuersten Infrastrukturprojekt der Europäischen Union: 6 Milliarden Euro lassen sich die Mitgliedsstaaten den Aufbau ihres eigenen Navigationssystems kosten.

Galileo ist die Antwort auf das US-amerikanische GPS, dem die Navis in unseren Autos und Smartphones seit Jahren folgen. „Aber unser System kann viel mehr“, sagt Professor Werner Enderle, Leiter der Navigations-Abteilung bei der Europäischen Weltraumbehörde ESA in Darmstadt. „Es ist vielfältiger im Hinblick auf die Anzahl der Frequenzen und Signale und wird schon bald unser Leben auf etlichen Gebieten verändern.“

Unbemannte Schiffe auf dem Rhein

Flugzeuge starten und landen autonom, ohne Piloten. Güterwaggons rangieren von allein. Unbemannte Schiffe fahren auch bei dichtem Nebel auf dem Rhein. Selbstständig reagieren sie auf Gegenverkehr und Strömung. Ihnen gelingt jedes Anlegemanöver. Galileo erleichtert auch dem Bauern die Feldarbeit. Der spart Geld und schont die Umwelt, indem er auf den Zentimeter genau sät und düngt. Wenn es stürmt und schneit, macht der Traktor die Arbeit alleine.

Faszinierende Aussichten für ein System, das nicht immer unter einem guten Stern stand. 2003 offiziell von der EU beschlossen, gab es immer wieder Pannen und Verzögerungen. Zweifel kamen auf, ob das Projekt überhaupt irgendwann funktionsfähig sein würde.

Doch ab 2020 soll das System einsatzbereit sein. Mit insgesamt 30 Satelliten, von denen derzeit 12 die Erde umkreisen. „Allein in diesem Jahr sollen vier weitere Satelliten auf ihre Umlaufbahn gelangen“, sagt Enderle.

Um das zu schaffen, schickt die ESA im Oktober erstmals die Trägerrakete Ariane 5 hoch. Sie bringt vier Satelliten gleichzeitig ins All. Doppelt so viele wie die für Andriana und Liene eingesetzte Sojus-Rakete.

„So werden wir die Anzahl der Satelliten im Orbit weiter kontinuierlich erhöhen“, erklärt Enderle. Deutschland ist an dieser Pionierarbeit wesentlich beteiligt. So kommen 22 Satelliten vom Bremer Raumfahrt-Unternehmen OHB. Mit einer speziellen Atomuhr ausgestattet, senden sie hochpräzise Zeitcodes aus dem All.

Um den laufenden Betrieb kümmern sich Experten im bayerischen Oberpfaffenhofen. Dort steht eines der beiden Galileo-Kontrollzentren, in denen Ingenieure die Satelliten steuern. Das andere befindet sich im italienischen Fucino.

„Mit der Installation der Satelliten ist es aber noch lange nicht getan“, so Enderle. „Das System muss schließlich robust funktionieren. Weltweit, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr“, so der Ingenieur. „Das zu erreichen, fordert uns derzeit voll und ganz.“

Immerhin handelt es sich um eine technische Herausforderung von historischen Ausmaßen. „Und da ist es ganz normal, dass es wie in der Vergangenheit zu Zeitverzögerungen beim Aufbau kommt“, so Enderle.

Erste Dienste übrigens leistet Galileo mit seinen bisherigen zwölf Satelliten bereits. Forscherteams von wissenschaftlichen Instituten und Unternehmen nutzen deren echte und zudem simulierte Signale, um Anwendungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Beispiel Rostock: Dort befindet sich eines der sogenannten GATEs (Galileo Test- und Entwicklungsumgebungen), die mit den Satelliten in Verbindung stehen. Damit riesige Containerschiffe eines Tages autonom am Kai anlegen und entladen werden können, muss schließlich die passende Soft- und Hardware entwickelt werden.

Andere solcher Test-Areale befinden sich in Berchtesgaden, Braunschweig und in der Nähe von Aachen. Hier prüft man vor allem auch die Möglichkeiten von Galileo in Kombination mit GPS. Signale beider Systeme bieten eine deutlich präzisere Orientierung. Entsprechende Geräte sind schon auf dem Markt.

Befreiungsschlag für das überlastete Autobahnnetz

Die Zusammenarbeit mit den Amerikanern ist kein Widerspruch. Denn bei Galileo geht es nicht um Konkurrenz, sondern um Europas Unabhängigkeit im All.

Und es geht um Wohlstand. Rund 150.000 Arbeitsplätze soll Galileo nach EU-Prognosen bringen. Und einen Milliardenmarkt für digital gestützte Mobilität eröffnen. „Das Potenzial für Innovationen ist sehr hoch“, so ESA-Mann Enderle.

Autofahrer etwa können dank Galileo bald ein Stau-Ende erkennen, das hinter einer Kurve liegt. Trotz kürzerer Abstände kann die Verkehrssicherheit erhöht werden. Ein Befreiungsschlag für das überlastete Autobahnnetz.

Galileo, GPS & Co.

  • Mit Galileo, dem US-amerikanischen GPS, dem russischen Glonass und dem chinesischen Beidou gibt es vier nationale Navigationssysteme im All.
  • GPS war der Pionier. Es wurde 1973 gegründet und ist seit Mitte der 1990er funktionsfähig.
  • Galileo ist das einzige System, das ausschließlich zivil betrieben und kontrolliert wird.

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