Eine unstete Liebe: AKTIV im Norden

Standpunkt

Eine unstete Liebe

Die Gewerkschaften und ihr ab und zu aktivierter Maßstab für Gerechtigkeit

Sie ist in guten Zeiten  Arbeiterführers Liebling – doch in schlechten Zeiten gibt er ihr schnöde den Laufpass. Die Rede ist von der Lohnquote. Der Anteil der „Einkommen aus unselbstständiger Arbeit“ am Volkseinkommen gilt, jedenfalls zeitweise, als Maß für die Gerechtigkeit.

Guter Rat bei unsteten Liebesverhältnissen lautet ja standardmäßig: Ordnung in die Beziehungskiste bringen, klare Verhältnisse schaffen. Also entweder Zusammenhalt auch im Tief oder harter Schnitt. Dafür, dass im vorliegenden Fall Letzteres anzuraten ist, sprechen zwei gute Gründe.

  • Erstens ist die Lohnquote als Kennzahl für eine gerechte Verteilung  des Volkseinkommens viel zu ungenau. Arbeitnehmer haben ja auch an ihrem Gegenstück teil, der Gewinnquote, sobald sie Zinsen, Dividenden oder Mieteinkünfte beziehen. Stetige Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand, etwa über das Versorgungswerk MetallRente, ist also stetiger Druck auf die Lohnquote. Zudem sinkt die Quote bei Arbeitszeitverkürzung, und sie steigt, wenn Investmentbanker ihre berüchtigten Boni kassieren.
  • Zweitens hat die Lohnquote ganz naturgemäß die Eigenart, in guten Zeiten zu sinken (womit sie als „Ungerechtigkeitsnachweis“ lohnpolitisch attraktiv wird), und in schlechten zu steigen (was sie dann zum Mauerblümchen verdammt). Dafür gibt es eine einfache Erklärung: Gewinne entwickeln sich sprunghafter als Löhne. Sie fallen in der Flaute steiler ab und ziehen im Aufschwung kräftiger an. Deshalb können die Lohn-Einkommen sogar bei steigender Quote sinken und bei sinkender Quote steigen.

Zuletzt ist die Lohnquote wieder einmal gestiegen. So schnell wie noch nie: binnen Jahresfrist von 65 auf 69 Prozent. Wurde ihr in der vorletzten Metall-Tarifrunde noch die Ehre zu­teil, eine

8-Prozent-Forderung zu rechtfertigen, fiel sie heuer unter den Tisch – gemäß dem Motto „nicht mal ignorieren“.

Nun war dieser Anstieg der Lohnquote eben leider nicht Ausdruck eines wachsenden Arbeitnehmer-Wohlstands. Sondern Ausdruck des Gewinn-Einbruchs um 15 Prozent. Die Lohn-Einkommen blieben mit minus 1 Prozent fast stabil. Diese Diskrepanz ist nicht gut für die Beschäftigten – denn die Gewinne von heute sind bekanntlich die Investitionen von morgen und die Arbeitsplätze von übermorgen.

Fazit: Wir sollten nach wachsendem Volkseinkommen streben. Die Lohnquote kann uns egal sein. In guten wie in schlechten Zeiten.


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