Die Polen kommen!: AKTIV im Norden

Reportage

Die Polen kommen!

Wie die Kleinstadt Slubice den Aufschwung erlebt

Während wir grübeln, wie lange wir den Arbeitsmarkt vor unseren östlichen Nachbarn abschotten sollen, krempeln die Polen ihr Land um. AKTIV war drüben – und stellte fest: Die Polen sind längst angekommen. In Europa! Und auf deutsche Jobs schielt kaum noch einer!

Als er an jenem grausamen Morgen begreifen musste, dass ihm das Feuer nichts gelassen hatte außer einem Haufen verkohlter Plastikklumpen, da dachte Richard, der Markthändler, sein Leben wäre jetzt zu Ende.

Das gesamte Gelände des großen Polenmarktes von Slubice, größte Attraktion und wichtigster Arbeitgeber der Stadt im Grenzgebiet zu Frankfurt/ Oder, war in der Nacht in Flammen aufgegangen.

Wo sich tags zuvor noch 30.000 meist deutsche Schnäppchenjäger durch die engen Reihen der Stände gedrängelt hatten, tropfte jetzt brackiges Löschwasser von rußgeschwärzten Eisenträgern.

Wie Phönix aus der Asche

Mit Richard standen über 1.000 weitere Standbetreiber vor dem Nichts. „Wie soll ich meine Familie ernähren?“, schoss es Richard durch den Kopf.

Das war im Januar 2007. Jetzt steht Richard, ein schmächtiger Mann mit schütterem grauem Haarkranz, wieder zwischen seinen geliebten Angelruten, ab 15 Euro das Stück. Nur zehn Wochen nach dem Feuer öffnete der Markt erneut seine Pforten, provisorisch unter Plastikplanen und in Zelten.

„Es regnet ein bisschen durch, aber meinen Angeln macht das ja nichts“, sagt Richard und lacht, es klingt wie ein Krächzen. In ein paar Monaten will der Händlertross eine neue, moderne Markthalle beziehen, dann will auch Richard sich wieder vergrößern. Und das geliehene Geld schnell zurückzahlen, mit dem er neue Ware gekauft hat nach dem Feuer. „Du musst improvisieren hier, aber es geht aufwärts“, sagt er und zieht an seiner Marlboro.

Die kleine Phönix-aus-der-Asche-Geschichte des großen Polenmarkts in Slubice – sie mag exemplarisch stehen für den Aufschwung in Polen. Galt das Land Anfang der 1990er-Jahre noch als Armenhaus Europas, geschlagen mit Massenarbeitslosigkeit und maroden Staatsbetrieben, erlebt es jetzt einen steilen Aufstieg.

„ Fette Jahre fürs Nachbarland“

Mit einem Bruttoinlandsprodukt von 270 Milliarden Euro (2006) stellt Polen die mit Abstand größte Volkswirtschaft der neuen EU-Länder. Dieses Jahr erwarten Ökonomen schon wieder 6 Prozent Wirtschaftswachstum. Ein Ende des Booms ist nicht abzusehen. „Unserem östlichen Nachbarn stehen fette Jahre bevor, der Außenhandel brummt, die Inlandsnachfrage dank steigender Löhne auch“, sagt Lars Bosse, Chef der deutschen Außenhandelskammer in Warschau.

Noch mehr als die Industrie profitieren von dieser Entwicklung Handelsfirmen und Dienstleistungsbetriebe.

So auch in Slubice. Im Rathaus, einem nüchternen Zweckbau mit mintfarbenen Wänden, sitzt Joanna Pyrgiel (31) in ihrem winzigen Büro zwischen Aktenbergen und singt das Hohelied auf ihre kleine Stadt: „Wir haben in Slubice die größte Dienstleistungsdichte von ganz Polen, Tendenz steigend.“

Das führt zu einer blühenden Kultur von Kleinbetrieben: In der 17.000-Einwohner-Stadt sind mittlerweile 400 Firmen mit bis zu neun Mitabeitern registriert, fast täglich kommen neue hinzu. 56 Friseursalons, ein Dutzend Kosmetikstudios, drei Zahnkliniken, dazu Optiker, Fotostudios, Autowerkstätten – und sie alle buhlen entschlossen um die zahlungskräftige deutsche Kundschaft vom anderen Flussufer.

„Wir sprechen deutsch“, steht auf nahezu jedem Schaufenster, die Speisekarten der Restaurants sind zweisprachig. „Ein paar Brocken Deutsch kann hier jeder“, sagt Pyrgiel. In den auffällig vielen Nachtklubs dürfte das kaum anders sein – sie wollen eben keine Nachfrage unbefriedigt lassen in Slubice.

Freundlicher als Frankfurt/Oder

Von der deutschen Schwesterstadt kann man das nicht gerade behaupten. Zwar nehmen Tausende Polen täglich den kurzen Fußweg nach Frankfurt/Oder über die Grenzbrücke: Sie gehen zur Arbeit, bringen ihre Kinder in deutsche Kindergärten oder schnüren tütenbewehrt durch die Einkaufspassagen. Von polnischsprachigen Werbeschildern trotzdem keine Spur, einzig die Hausordnung im Frankfurter Shoppingcenter „Oderturm“ ist zweisprachig: „Alkohol verboten, nicht rauchen.“ Herzlich Willkommen steht da nicht.

In Slubice ist man da mehr als einen Schritt weiter. Nach dem Beitritt Polens zur EU vor gut drei Jahren hat die Stadt nicht nur um ausländische Konsumenten gebuhlt, sondern sich auch eifrig um die Ansiedlung westlicher Unternehmen bemüht. Mit Erfolg, die eingerichtete Sonderwirtschaftszone vor den Toren der Stadt platzt aus allen Nähten. Auch deutsche Unternehmen haben sich dort angesiedelt.

Überhaupt steht Polen hoch in der Gunst deutscher Investoren. Über 5.500 deutsche Firmen haben sich mittlerweile im Weichsel-Land niedergelassen. Damit stellen die Deutschen die größte Investorengruppe. Die Erfahrungen der Firmen sind fast durchweg positiv, sagt Außenhandelskammer-Chef Bosse.

Gerade polnische Arbeitskräfte entsprechen so gar nicht den Vorurteilen in Deutschland: „Sie sind innovativ, gut ausgebildet und motiviert.“ Und sie werden knapp! Weil Hunderttausende gut qualifizierte Polen unlängst gen England und Irland auswanderten, fehlen laut Janusz Grzyb vom polnischen Arbeitsministerium daheim schon 600.000 Fachkräfte.

„Da kommt jetzt kaum noch einer“

Das spüren sie selbst im kleinen Slubice: „Wir würden gern unsere Straßen und Wohnblöcke anieren“, bekennt Joanna Pyrgiel. „Das Geld ist da, aber die Bauarbeiter fehlen.“ In der Altstadt stützen sie bröckelige Balkone deshalb schon notdürftig mit Holzbalken.

Für Krzysztof Wojciechowski, polnischer Philosoph und quirliger Direktor des „Collegium Polonicum“ in Slubice, kommt die Entwicklung nicht überraschend: „Die Polen sind ein hungriges Volk mit europäischen Ambitionen.“ Weil sich Deutschland abgeschottet habe, hätten die „guten Jungen“ eben Englisch gelernt. „Auf der Insel sind sie jetzt ein Segen für die Wirtschaft, das hättet Ihr auch haben können.“

Dass Deutschland seinen Fachkräftemangel mit Polen wird decken können, das glaubt Wojciechowski nicht. „Zu spät. Die haben sich umorientiert. Da kommt jetzt kaum noch einer.“

Ulrich Halasz

Info: Der polnische Tiger

     

  • Der Außenhandel Polens wächst gewaltig. Im vergangenen Jahr exportierte das Land Waren im Wert von 88 Milliarden Euro. Ein Plus von 19 Prozent im Vergleich zu 2005.
  • Die Arbeitslosigkeit sinkt. 2004 betrug die Quote 19 Prozent, bis Ende 2007 wird sie auf 12 Prozent zurückgehen.
  • Die Löhne steigen. Im vergangenen Jahr betrug der durchschnittliche Bruttomonatslohn umgerechnet 636 Euro, gut 5 Prozent mehr als noch im Vorjahr.
  • Der Einzelhandel in Polen boomt. Allein im vergangenen Jahr kletterte der Umsatz um 12 Prozent.
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