Die Hochstapler vom Dienst: AKTIV im Norden

Reportage

Die Hochstapler vom Dienst


Wie die Hamburger Still-Gruppe nach der Krise durchstartete

Die Vermählung ist eine Sache von Minuten: Ein Lifter setzt das Dachgestänge aufs Chassis, Monteur Marcel Müller überprüft den korrekten Sitz, er dreht mit dem Pressluftschrauber einige Schrauben ein, und schon ist der Stapler unter der Haube. Ein Blick auf die Anzeigetafel über der Arbeitsstation, auf der die Staplerfahrzeuge mit dem Fahrerschutzdach „verheiratet“ werden, zeigt: Alles im Plan, die Takt-Vorgaben werden exakt eingehalten, und die Produktion läuft auf Hochtouren.

Das war in den letzten Jahren nicht immer so, wie Montageleiter Lutz Wehde erzählt.  Die Finanz- und Wirtschaftskrise machte den Logistik-Konzernen schwer zu schaffen, und das merkte man auch in Hamburg-Billbrook, wo die Still GmbH ihren Sitz hat.

Kein Personalabbau in der Krise

Wehde: „Wir hatten etliche Wochen Kurzarbeit quer durch alle Abteilungen. Das war eine harte Zeit, aber selbst auf dem Höhepunkt der Krise musste kein Kollege gehen. Darauf sind wir mächtig stolz. Am Ende haben wir es ohne betriebsbedingte Kündigungen geschafft.“

Eine kluge Entscheidung, denn heute kann das norddeutsche Unternehmen jeden Mitarbeiter brauchen. Rund 70 Leute sind derzeit in der Montagehalle mit der Fertigung verschiedener Modell-Reihen beschäftigt, darunter auch der Elektro-Stapler RX50, der laut Jürgen Wrusch von der Unternehmenskommunikation der kompakteste Dreirad-Stapler seiner Klasse ist. Das überzeugte auch die Jury-Mitglieder des Designwettbewerbs iF Award. Sie zeichneten das Modell mit dem begehrten iF Product Design Award aus.

Entworfen und konzipiert wurde der Stapler von der hauseigenen Forschungs- und Entwicklungsabteilung, die zu den bestgehüteten Geheimnissen des Unternehmens zählt. Jürgen Wrusch quittiert die Frage nach einer Besichtigung mit einem freundlichen Lachen: „Keine Chance, da dürfen selbst normale Mitarbeiter nicht rein. Zu sensibel. Der Wettbewerb auf dem Logistik-Markt ist hart, und jeder Anbieter muss darauf achten, dass er seinen technischen Vorsprung behält.“

Um das sicherzustellen, betreibt Still in Hamburg unter anderem eine eigene Lehrwerkstatt und ein umfangreiches Qualifizierungsprogramm, zu dem auch ein duales Studium zählt. Daneben gibt es seit einiger Zeit ein Ideenmanagement, um die Kompetenz und die Erfahrungen der Mitarbeiter stärker nutzen zu können.

Pressereferentin Jacqueline Lindenbeck: „Um die Belegschaft zum Mitmachen zu motivieren, hat sich die Geschäftsführung eine ganz besondere Aktion einfallen lassen. Unter allen eingereichten Vorschlägen, die sinnvoll erscheinen und prinzipiell umsetzbar sind, wird einmal pro Monat ein Mini Cooper Cabrio auf Zeit verlost. Der Gewinner darf das Auto dann für jeweils zwei Wochen fahren, und wir übernehmen sogar die Spritkosten.“

Seit die Krise überstanden ist, wird bei Still wieder mehrschichtig gearbeitet. Das Besondere: Die meisten Komponenten werden – anders als in vielen anderen Produktionsbetrieben – direkt vor Ort gefertigt und danach in der Montagehalle zusammengesetzt.

Eine Ausnahme sind die schweren Gegengewichte im Heck der Stapler, die von einer Eisengießerei zugeliefert werden. Fertigungsleiter Wehde zeigt auf einen Tieflader vor der Halle, der gerade eine neue Fuhre gebracht hat: „Jedes Gewicht wiegt 1.000 Kilogramm. Früher hängte man einen schweren Klotz hinten dran, aber heute sind Stapler-Gewichte echte Hightech-Teile. Sie dienen auch zur Abfuhr der Wärme, die der Stapler beim Arbeiten produziert.“

Wehde zählt zu den Mitarbeitern, die das Unternehmen noch aus der Zeit kennen, als es zur Linde AG gehörte. Der 52-Jährige arbeitet seit 28 Jahren für Still, aber damit ist er keine Ausnahme. „Wir haben hier traditionell eine extrem niedrige Fluktuation“, erzählt er. „Die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit liegt bei rund 14 Jahren. Für einen Industrie-Betrieb nicht schlecht, oder?“

Clemens von Frentz

Still GmbH, Hamburg

1920 als Reparaturbetrieb für Elektromotoren gegründet, stieg die Firma bald auf Gabelstapler um und stellte 1949 ihr erstes eigenes Modell vor. Später ging sie erst an Varta, dann an die Linde AG, die Still 2006 ausgliederte. Dadurch wurde Still ein Teil der Kion Group, die auch die Staplermarken Linde, OM und Baoli hält. Die Still-Gruppe hat heute weltweit über 7.200 Mitarbeiter, 1.800 davon in Hamburg.

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