?Die Einlagen sind sicher?: AKTIV im Norden

Finanzkrise

„Die Einlagen sind sicher“

Wie steht es wirklich um die Wirtschaft? AKTIV sprach mit dem obersten Krisenberater der Kanzlerin

Wenn einer in Sa­chen Finanzkrise den Durchblick hat, dann ist es der Mann auf dem Bild rechts: Otmar Issing (72) war von 1998 bis 2006 Chef­volkswirt der Europäischen Zentralbank in Frankfurt.

Seit Oktober 2008 arbeitet er im Auftrag von Kanzlerin An­gela Merkel mit einem kleinen Team an einer neuen Architektur der Finanzmärkte. Parallel berät er die EU. Eines seiner ersten Interviews in diesem heik­len Job führt er mit AKTIV.

Interview

AKTIV: Professor Issing, ist die Finanzkrise unter Kontrolle?

Issing: Ich sehe Anzeichen für eine beginnende Stabilisierung, aber sie ist noch nicht

auf breiter Ebene angekommen. Man kann auch nicht ausschließen, dass die eine oder andere „Zeitbombe“ weitere Erschütterungen auslöst.

AKTIV: Was bedeutet das für unser Geld auf dem Bankkonto?

Issing: Die Einlagen auf Spar-, Giro- und Festgeldkonten sind sicher. Wer sich nicht auf exotische Anlagen bei Instituten eingelassen hat, die au­ßerhalb dieses Sicherungssys­tems operieren, der muss nicht um sein Geld fürchten. 

AKTIV: Aber was ist diese gegenseitige Absicherung der Geldhäuser wert, wenn es knallt?

Issing: Den gro­ßen Knall für die normalen Anleger kann es nicht geben. Die traditionelle Einlagensicherung in der deutschen Geldwirtschaft wird ja seit Mitte Oktober ergänzt durch eine staatliche Garantie, die noch viel weiter geht.

AKTIV: Der staatliche „Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung“ soll mit bis zu 400 Milliarden Euro für Kreditgeschäfte der Banken bürgen und ihnen zudem bis zu 80 Milliarden Euro frisches Kapital verschaffen. Aber alles befristet bis 2012. Rei­ßen dann die Löcher richtig auf?

Issing: 2012 ist noch sehr weit weg. Bis dahin wird die ak­tuelle Krise überwunden sein. Die Brandbekämpfung ist weltweit längst im Gange. Dann geht es darum, eine bessere, stabilere Architektur der internationalen Finanzmärkte zu schaffen.

AKTIV: Das heißt konkret?

Issing: Vor allem größere Transparenz auf den Kreditmärkten. Die Banken, die öffentlich-rechtlichen wie die privaten, haben teilweise gar nicht verstanden, was für Produkte sie gekauft haben. Wir brauchen zum Beispiel ein internationales „Kreditregis­ter“, das Ausleihungen ab einer bestimmten Grö­ße erfasst. Und eine „Weltrisikokarte“, auf der die großen Finanzinstitutionen und -produkte verzeichnet sind.

AKTIV: Waren die Bank-Manager zu gierig?

Issing: Der Mangel an Transparenz gilt auch für de­ren Vergütungen. Sie einfach zu deckeln, ist sicher kein gu­ter Vorschlag – dadurch werden die Banken nicht besser geführt. Aber wir brauchen ein System, das neben Bo­nus­zah­lun­gen auch Einbußen vorsieht, wenn es mal schlechter geht. Es geht nicht an, dass man vom Erfolg profitiert, aber bei Ver­lus­ten un­ge­schoren davonkommt.

AKTIV: Der frühere US-No­tenbankchef Alan Greenspan hat die Finanzkrise als „Jahrhundertereignis“ bezeichnet. Übertrieben?

Issing: Leider nein. Man muss weit zurückgehen, bis zum Jahr 1931, um auf ähnliche Ereignisse zu stoßen.

AKTIV: Das war  die „Weltwirtschaftskrise“, an deren Ende der Untergang der Demokratie in Deutschland stand.

Issing: Der Vergleich liegt insofern nahe, als das Vertrauen der Banken untereinander, also der Motor für eine gesunde Volkswirtschaft, seitdem niemals so tief erschüttert wurde. Aber der Vergleich ist insofern irreführend, als die nationalen Regierungen da­mals im Alleingang reagiert haben. Sie machten viele Fehler und schadeten sich gegenseitig. Heute gibt es eine internationale Verständigung darüber, wie man einer solchen Krise begegnet.

AKTIV: Mit Reformen auf den Finanzmärkten. Und auch mit viel Konjunkturprogramm?

Issing: Hier muss man Kos­ten und Nutzen genau abwägen. Es darf nicht sein, dass man einen Brand löscht und dass hinterher die Wasserschäden, also die Folgen für die Staatsfinanzen, größer sind als das, was das Feuer angerichtet hat.

AKTIV: Was erwarten Sie auf dem Arbeitsmarkt? Angesichts des Fachkräftemangels tun viele Be­triebe alles, um ihre Stammbelegschaften auch in einer vorübergehend schrumpfenden Wirtschaft zu halten. Wird das gelingen?

Issing: Das wird von Fall zu Fall sehr verschieden sein. Aber eines ist klar: Ein so starker Wirtschaftseinbruch, wie wir ihn für 2009 wohl erwarten müssen, geht am Arbeitsmarkt nicht ohne Folgen vorbei.

AKTIV: Entscheidend ist also,  wann der Motor Finanzwirtschaft wieder ins Laufen kommt. 

Issing: Wenn das Stabilisierungsprogramm der Bundesregierung angekommen ist und die Eigenkapital-Basis der Banken verstärkt wurde, wird sich der Kreditverkehr allmählich normalisieren.

AKTIV: Können Sie nachvollziehen, wenn viele Menschen  jetzt  verstärkt Zweifel am Segen des „Kapitalismus“ haben? 

Issing: Das kann ich nachvollziehen. Es ist eine Entwicklung, die mich außerordentlich beunruhigt. Aber vieles, was sich hier scheinbar als Markt­ver­sagen darbietet, ist ganz we­sentlich zurückzufüh­ren auf Staatsversagen. Zweifelsohne ist der Staat in der Krise gefordert, man sollte aber das Kind nicht mit dem Bade ausschütten und jetzt zu viel vom Staat erwarten. Die Marktwirtschaft bleibt das beste Wirtschaftssys­tem.

Interview: Ulrich von Lampe


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