Der Oscar des Nordens: So entsteht der begehrte Ulrich-Wildgruber-Preis: AKTIV im Norden

Trophäe für Schauspieler

Der Oscar des Nordens: So entsteht der begehrte Ulrich-Wildgruber-Preis

Am Ende hilft nur rohe Gewalt. Michael Wittkamp greift zum Beil und schlägt beherzt zu. „Keine Angst“, sagt der Gießer und lacht. „Dem Wildgruber passiert nix. Aber es geht nicht anders, wenn Sie eine Bronzefigur aus der Gussform holen wollen.“

Wittkamp hat recht. Als er das Werkzeug beiseite legt, ist die kleine Statue unversehrt und sieht dem Gipsmodell aus dem Hamburger Atelier des Künstlers Thomas Jastram schon ziemlich ähnlich.

Wir sind in Elmenhorst, einer Gemeinde im Herzogtum Lauenburg (Schleswig-Holstein). Hier sitzt in einem ehemaligen Meierei-Gebäude die einzige Bildgießerei der Region. Pro Jahr werden etwa 160 Bronze-Arbeiten bei Wittkamp gegossen, und heute soll hier „der Wildgruber“ entstehen.

Die 41 Zentimeter hohe Figur steht für den Ulrich-Wildgruber-Preis, der nach dem 1999 verstorbenen Theater-Star benannt und eine der begehrtesten Auszeichnungen für junge Schauspieler ist. Zu den Preisträgern zählen unter anderem August Diehl und Fabian Hinrichs.

Die Bronzefigur wiegt so viel wie der WM-Pokal

Der Preis wird jährlich von der Nordmetall-Stiftung und dem Förderkreis des St.-Pauli-Theaters verliehen und ist mit 10.000 Euro dotiert. Zusätzlich zu dieser Summe erhalten die Geehrten künftig die besagte Bronze-Statue.

Die Figur ist ein echtes Schwergewicht, sie wiegt rund sieben Kilogramm und damit ähnlich viel wie der WM-Pokal des Fußballverbands Fifa. Auch die Herstellungs-Methode ist die gleiche: Beide Trophäen wurden im sogenannten Wachsausschmelzverfahren produziert und sind innen hohl.

Zur Erklärung deutet Gießer Michael Wittkamp auf einen Bronzebarren neben dem Schmelzofen. „Heben Sie mal an“, sagt er. „So ein kleiner Barren wiegt rund neun Kilo. Schon allein deshalb muss die Figur hohl sein, sonst bräuchten Sie bei der Preisverleihung einen Gabelstapler.“

Während die Legierung aus Kupfer und Zinn im Ofen der Elmenhorster Firma langsam flüssig wird, erklärt Wittkamp, wie das Wachsausschmelzverfahren funktioniert. „Wenn der Künstler sein Modell abliefert, fertigen wir davon zunächst eine zweiteilige Negativform. Sie besteht aus einer elastischen Schicht im Inneren und aus einer äußeren Gipsschicht, die dem Ganzen Stabilität gibt.“

Komplizierte Gerüste aus wächsernen Stangen

In diese Negativschalen wird so lange flüssiges Wachs gepinselt, bis es eine Dicke von rund vier Millimetern hat. Das dabei entstehende Wachsmodell entspricht exakt dem Modell des Bildhauers. Es wird noch einmal überarbeitet und dann in eine Gipsschamotteform eingebettet.

Sobald diese ausgehärtet ist, wird sie erwärmt; das Wachs fließt heraus und hinterlässt einen Hohlraum, in den man die Bronze gießen kann.

Klingt einfach, ist im Detail aber ziemlich kompliziert. Wie kompliziert, zeigt ein Blick auf den Tisch von Wittkamps Mitarbeiter Kai Schober, der gerade eine andere Form baut. Die eigentliche Figur steckt in einem filigranen Gerüst aus Wachsstangen, die alle miteinander verbunden sind. „Abluftkanäle“, sagt Wittkamp. „Die Luft in der Form muss ja entweichen können, wenn das Metall hineinfließt.“

Unterdessen hat ein anderer Kollege seine Wachsarbeit beendet, nun kann die Konstruktion in Schamotte-Gips eingebettet werden. Die Former setzen das Wachsmodell in eine große Kiste und gießen behutsam den angerührten Brei darüber. Nach 14 Eimern ragt nur noch der Gusstrichter aus der grauen Masse.

Das Aushärten geht schneller als gedacht, wenig später kommt der Block bereits in den Ofen, um das Wachs im Inneren zu verflüssigen und herausfließen zu lassen.

Die Mannschaft ist perfekt eingespielt

Jetzt ist auch endlich die Bronze im Tiegel so heiß, dass gegossen werden kann. Zeit für den Wildgruber. Wittkamp und zwei Kollegen streifen ihre Schutzkleidung über, und los geht’s. Die Manschaft ist perfekt eingespielt, jeder kennt seine Aufgabe. Routiniert füllt der Gießer das flüssige Metall in die Formen.

Am Nachmittag dann der spannende Moment. Ist der Guss gelungen? Als Wittkamp das Beil aus der Hand legt und einen ersten Blick auf die Skulptur wirft, geht ein leichtes Lächeln über sein Gesicht. Alles gut, der Wildgruber ist perfekt. Der Preisverleihung Ende Januar steht nichts mehr im Wege.


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