Der Mindestlohn und seine Folgen: AKTIV im Norden

Nord-Wort

Der Mindestlohn und seine Folgen

Abliefern und weiter: Ein Aushilfsjob als Pizzafahrer kann eine berufliche Sackgasse sein. Foto: Strassmeier

Dank der guten wirtschaftlichen Lage geht es vielen Menschen in Deutschland besser als je zuvor. Doch die Stimmung im Land ist eine andere: Alles sei ungerecht, die Reichen würden immer reicher und die Armen immer ärmer. Ein Mindestlohn müsse her, um den Fall ins Bodenlose zu verhindern. Sofort, für alle und jeden, ohne Ausnahmen.

Wer das sagt, hat nicht die Realität im Blick. Die finden Sie in unserer Reportage über Mindestlohn hier. Da sagt eine Friseurin, der Mindestlohn bringe ihr gar nichts. Ihr ginge es besser ohne, weil der Mindestlohn ihren Job gefährdet.

Diese junge Frau ist kein Einzelfall. Und es geht nicht nur um ferne Personen wie die Floristin an der Ecke oder die Verkäuferin im Supermarkt. Sondern auch um Ihre Kinder. Was glauben Sie, wie viele Praktikumsplätze noch angeboten werden, wenn ein Unternehmen dafür über 1.300 Euro im Monat zahlen muss? Laut Arbeitsministerin Nahles bleiben nur „ausbildungs- oder studienrelevante Praktika“ ausgenommen. Was aber ist mit den vielen freiwilligen Schnupperpraktika? Wäre es gerecht, wenn Ihre Kinder keine Chance mehr bekämen, sich in der Berufswelt zu orientieren?

„Wollen wir wirklich zulassen, dass Hilfsarbeit vor Ausbildung geht?“

Auch mit unserer Industrie, in der die Löhne eigentlich erst bei 14 Euro anfangen, hat das Thema zu tun: Ich bin in Sorge, dass sich einige Schulabgänger entschließen werden, eben nicht in die Lehre zu gehen und die Berufsschulbank zu drücken, wenn sie statt Lehrgeld woanders Mindestlohn bekommen. Selbst im Vergleich zu 900 Euro Ausbildungsvergütung in der gut bezahlenden Metall- und Elektro-Industrie läge der Mindestlohn um 400 Euro höher. Da hilft auch die Altersgrenze 18 Jahre nichts. Denn 60 Prozent der Jugendlichen sind älter als 18, wenn sie eine Ausbildung beginnen. Wollen wir wirklich zulassen, dass Hilfsarbeit vor Ausbildung geht?

Ich finde die Gewerkschaftskampagne für den Mindestlohn deshalb bedenklich: „Würde kennt keine Ausnahme“, lautet der Slogan. Doch gerade wer die Würde im Blick hat, darf Jugendlichen nicht die Orientierung rauben und Schwächere nicht in die berufliche Sackgasse manövrieren. Die Würde ist vor allem dann in Gefahr, wenn Menschen überhaupt keine Chance auf Beschäftigung bekommen.


Der Autor

Nico Fickinger ist Hauptgeschäftsführer der Arbeitgeberverbände Nordmetall und AGV Nord, die „AKTIV im Norden“ möglich machen.

Diskutieren Sie mit ihm: nordwort@aktivimnorden.de

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