Der große Umbau: AKTIV im Norden

Strukturwandel

Der große Umbau


Wie eine Werft nach 108 Jahren anfängt, plötzlich was völlig anderes zu machen

Bei einem flüchtigen Blick könnte der Laie meinen: okay, eine ganz normale Werfthalle. Tonnenschwere Rohrstücke liegen hier, es wird emsig geflext und geschweißt – gerade so, als sei man dabei, die Einzelteile eines U-Boots zusammenzusetzen. Aber hier wird etwas Größeres gebaut: ein gewaltiger Tur­binenturm, der bald in einem Windkraft-Park auf hoher See stehen wird.

Noch sind es Einzelstücke, die Serienfertigung ist noch nicht angelaufen. Aber der Umbau der SIAG Nordseewerke in Emden ist fast fertig. Im Dezember 2009 lieferte man das letzte Schiff aus, einen Containerfrachter. Es folgten turbulente Monate, zum Teil mit Kurzarbeit. Aber jetzt stehen die rund 700 Beschäftigten, nach Jahren der Krise und der Ungewissheit, gut da: Sie sind plötzlich Teil einer Boom-Branche.

„Dafür musste auf dem Gelände einiges umgebaut werden“, erzählt Horst Hoffmann. Er hat hier den klassischen Schiffbau gelernt, arbeitet schon seit 40 Jahren für die Nordseewerke. Nun leitet er die Turm-Fertigung in einer Halle, die eigens um rund 100 auf 240 Meter Länge vergrößert wurde. „Damit haben wir optimale räumliche Bedingungen“, sagt Hoffmann. „Vorne gehen die Bleche rein, hinten kommen die fertigen Türme raus.“

Emden wird zum Nabel der Offshore-Welt

Auch die Halle nebenan wurde umgerüstet: Sie dient künftig vor allem dem Bau der „Tripods“ – der bis zu 60 Meter hohen dreibeinigen Stahlfundamente, die die Türme und Plattformen auf dem Meeresboden verankern. Bis zu 1.000 Tonnen schwer, werden sie mit meterlangen Stahlrohrnägeln („Piles“) sozusagen festgetackert.

Etwa 80 dieser Gründungselemente, 200 Türme sowie 3 bis 4 Trafo-Plattformen können die SIAG Nordseewerke künftig pro Jahr herstellen. Damit würde das Werk, mit einem Investitionsvolumen von 30 Millionen Euro, zum größten europäischen Standort für Offshore-Stahlkomponenten.

Kein Einziger wurde entlassen

Firmensprecher Christian Adamczyk sagt: „Wir gehen davon aus, dass wir bald gut ausgelastet sind. Ein Großauftrag ist bereits an Land gezogen: „Wir werden für den Nordsee-Windpark Global Tech I insgesamt 40 Tripods und 120 Piles bauen. Geliefert wird ab Mitte 2012.“

Und die Werften in Asien, die dem deutschen Schiffbau seit Jahren zu schaffen machen? Werden sie den Nordseewerken auch in dem neuen Geschäft das Wasser abgraben? „Das macht uns keine Angst“, sagt Adamczyk. „Wir bieten die höhere Qualität und mehr Liefertreue, da wir alle Teile selber fertigen. Outsourcing gibt es bei uns nicht.“

Die Firma hat Angebote im Volumen von 1 Milliarde Euro im Markt platziert. Hatte der Westerwälder Unternehmer Rüdiger Schaaf, der mit seiner Schaaf Industrie AG (SIAG) im März 2010 die kriselnde Werft übernahm, den richtigen Riecher? Es sieht so aus. Spätestens seit dem Atomausstiegsbeschluss der Bundesregierung ist auch den letzten Skeptikern in der Werft-Belegschaft klar: Windkraft ist keine Spinnerei, sondern eine attraktive berufliche Perspektive.

Wäre ein anonymer Investor mit diesem Plan gekommen, die Zuversicht wäre vielleicht so nicht vorhanden. Doch der Mittelständler Schaaf ist in den Monaten des Umbaus immer wieder aus der SIAG-Zentrale in Dernbach (Rheinland-Pfalz) in die Hallen in Emden gekommen. Er hat keinen Einzigen entlassen, hat sie alle persönlich mitgenommen. „Als damals das letzte Schiff vom Stapel lief“, erzählt ein älterer Mitarbeiter bei einer Zigarette, „da haben viele Leute geweint. Ich auch. Aber das ist Vergangenheit.“

Michael Baumfalk, der technische Direktor, drückt die Stimmung so aus: „Wenn unsere Leute erst wieder Stahl in der Hand haben, dann klappt das schon. Wir Ostfriesen tun uns ja anfangs etwas schwer mit der Begeisterung – aber dann sind wir voll dabei.“

Clemens von Frentz

SIAG Nordseewerke, Emden

Die Werft „Nordseewerke“ wurden im Jahr 1903 von rheinisch-westfälischen Unternehmern gegründet und wechselte mehrfach den Besitzer. 2010 ging sie von Thys­senKrupp an die Schaaf Industrie AG (SIAG) in Dernbach (Rheinland-Pfalz), die hier Stahlbau-Teile für Offshore-Windparks fertigen wird. Der Betrieb hat rund 700 Mitarbeiter und 75.000 Quadratmeter Produktionsfläche.

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