Der ewige Kampf gegen die Inflation: AKTIV im Norden

Inflation

Der ewige Kampf gegen die Inflation

Die Fieberkurve der Geldentwertung – wichtig für unseren Wohlstand!

Unser Geld ist stabil wie seit Generationen nicht: So wenig Kaufkraft-Schwund wie 1996 bis 2006 gab es zuletzt in den 50er-Jahren. Aber ist die Inflation wirklich erledigt? Wie entsteht sie eigentlich? Und dürfen wir der amtlichen Statistik trauen? AKTIV ging der Sache auf den Grund.

Unauffällig mischt sie sich unter die Kunden. Geht in sieben Stuttgarter Geschäften die Regalreihen durch, notiert sich akribisch die Preise. Und kennt sich besser aus als jede deutsche Hausfrau.

Sie merkt es, wenn eine preisreduzierte“ Bluse teurer ist als vor zwei Monaten. Oder wenn die Tüte Haferflocken auf einmal weniger wiegt: Mogelpackungen liegen im Trend“, weiß Simone M., die ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen will.

Abgedreht? Schrullig? Nein: Amtlich! Simone M. ist eine von den 560 haupt- oder nebenberuflichen Preisermittlern, die im Auftrag der Statistischen Landesämter Monat für Monat ausschwärmen. Sie liefern den Stoff für die Inflationsrate – und letztlich die Antwort auf existenzielle Fragen: Was ist unser Geld noch wert? Ist unser Wohlstand gestiegen oder bloß die Zahl auf unserem Lohnzettel?

Der Blick auf die nebenstehende Fieberkurve der Geldentwertung zeigt Erfreuliches: Die gefährlichen Ausschläge nach oben sind seit mehr als einem Jahrzehnt ausgeblieben. Der Euro ist stabiler als die D-Mark“, bilanziert Hans Reckers, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank. Selbst die drastische Erhöhung der Mehrwertsteuer hat daran offenbar nichts geändert: Der Handel konnte sie kaum auf die Verbraucher überwälzen“, berichtet Walter Radermacher, der Präsident des Statistischen Bundesamtes, im AKTIV-Interview (unten).

Strenge Vorgaben an die Preisermittler

Doch das Volk ist skeptisch – wie auch viele Zuschriften unserer Leser zeigen. Eine Statistik ist immer nur so gut wie der, der sie fälscht“, meint etwa Werner Hellmuth aus dem unterfränkischen Poppenlauer. Klaus Leipert aus dem südbadischen Schwörstadt findet die Jubelmeldungen verlogen“ und eine Schande“. Und Wolfgang Gossilin aus dem münsterländischen Haltern am See fordert die Inflationsexperten auf: Man sollte das tägliche Leben berücksichtigen.“

Simone M. versucht das, so gut sie kann. Bei meiner Arbeit muss man sich in verschiedene Käufertypen hineinversetzen“, erzählt die Preismesserin. So muss sie ein Herrenhemd, das seit dem letzten Besuch aus dem Sortiment geflogen ist, durch ein genau gleichwertiges Produkt ersetzen. Dabei denke ich mir, das alte hätte mein Mann gekauft. Und wenn es nicht mehr da ist, suche ich wieder ein Hemd, das mein Mann kaufen würde.“

Die Vorgaben sind streng. Für ein sportliches Hemd darf Simone M. in der Liste nicht einfach ein elegantes einsetzen; stets muss sie daher auch Details notieren: beim Frischkäse etwa den Fettgehalt, und ob es sich um eine natürliche“ oder herzhafte“ Sorte handelt.

Genauer als ihre meisten Mitbürger haben die Preismesser auch den Teuro“-Schock Anfang 2002 mitbekommen. Sie schrieben quer durch die Republik mit, wie das Kilogramm Tomaten statt 2,99 D-Mark plötzlich 2,99 Euro kostete.

Aber im Gesamtbild, das die Statistischen Landesämter zusammensetzten, war das nur ein winziges Mosaikstück: Selbst wer täglich zwei Pfund Tomaten isst, gibt dafür viel weniger aus als zum Beispiel für die Miete. Die blieb vom Euro-Start völlig unberührt. Die neue Währung stoppte auch nicht den Preisverfall bei Computern.

Aber: Wir nehmen Preissteigerungen viel intensiver wahr als Preissenkungen“, gibt Hans Wolfgang Brachinger zu bedenken, Statistik-Professor im schweizerischen Fribourg. Das sei ein Grund für die Diskrepanz zwischen gefühlter und tatsächlicher Inflation – also zwischen Teuro“-Erfahrung und Stabilitätsbilanz.

Die bittere Lektion von 1974

Dass von der Kaufkraft einer D-Mark des Jahres 1950 heute nur noch ein gutes Fünftel übrig geblieben ist, hat mit dem Euro relativ wenig zu tun. Eher mit den Inflationsschüben der 70er-Jahre. 1973 erreichte die Teuerung 7,1 Prozent – nach mehreren hohen Tarifabschlüssen, zuletzt zusätzlich getrieben von der ersten großen Ölkrise. Eine Lohn-Preis-Spirale“ drehte sich, und zwar immer schneller: Im Februar 1974 setzte der öffentliche Dienst mit einem Streik der Müllwerker und Straßenbahner spektakuläre 11 Prozent Tariferhöhung durch.

Doch wer glaubte, der Lohn-Coup sei ein Riesengewinn für die Arbeitnehmer, sah sich getäuscht. Die hohen Kostensteigerungen überforderten die Betriebe. 1974 wuchs die Wirtschaftsleistung nur noch um 0,5 Prozent, 1975 schrumpfte sie gar um 1 Prozent – das schlechteste Ergebnis der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte.

Plötzlich gab es 1,1 Millionen Arbeitslose – ein Schock, nach nur 149.000 fünf Jahre zuvor. Die Regierung versuchte mit teuren Konjunkturprogrammen gegenzuhalten – was aber bloß die deutsche Staatsverschuldung in die Höhe trieb und damit das Vertrauen in die D-Mark zusätzlich gefährdete.

Nur die Bundesbank, die Hüterin der Währung, hielt erfolgreich dagegen: Sie machte durch hohe Zinsen das Geld knapp und sorgte am Ende dafür, dass die Inflationsrate bis 1978 wieder auf 2,7 Prozent sank.

Was bringt das Jahr 2007?

Sind es solche Erfahrungen, die Professor Axel Weber, den heutigen Bundesbank-Chef, zu seiner düsteren Warnung veranlassen? Sollten die nächsten Tarifrunden zu hoch ausfallen und die Preisstabilität gefährden“, sagte er kürzlich in einem Zeitungsinterview, dann könnten weitere Zinserhöhungen erforderlich werden.“

Zwar ist dafür nicht mehr die Bundesbank, sondern die Europäische Zentralbank zuständig. Doch auch dort hat Weber Sitz und Stimme – und als Vertreter des größten Euro-Landes natürlich großen Einfluss.

So ist im Fall hoher Lohnabschlüsse nicht ausgeschlossen, dass Simone M. bei ihren monatlichen Regal-Inspektionen demnächst wieder mehr Bewegung registriert. Ich bin jedes Mal neugierig, wie sich welche Preise verändern“, erzählt sie. Und setzt hinzu: Manchmal würde ich den Kunden am liebsten Tipps geben, was billiger ist.“

 

Warenkorb: 750 Preise im Visier

Von der Kleinanzeige über Katzenstreu und Kopfsalat bis Kochtopf, Edelstahl“: 750 typische Güter und Dienstleistungen haben die Statistiker in ihren Warenkorb“ gepackt. Die Preisänderungen dieser Auswahl ergeben die Inflationsrate.

Neue Produktvarianten werden laufend eingespielt: Kaffeepad-Maschinen und MP3-Player sind schon im Warenkorb gelandet. Neben der Auswahl der Produktpreise kommt es natürlich auf ihre Gewichtung an. So machen die Ausgaben für Wohnung, Wasser, Strom, Gas und andere Brennstoffe“ mit 30 Prozent einen wesentlichen Teil des Warenkorbes aus.

Alle fünf Jahre wird die Auswahl grundlegend überarbeitet. Dabei vertrauen die Experten vor allem auf eine detaillierte Befragung von rund 60.000 Haushalten – deren Angaben sie mit anderen Daten, zum Beispiel aus der Tabaksteuer-Statistik, abgleichen.

Derzeit gilt noch der 2003 bekannt gegebene Warenkorb, damals wurden zum Beispiel die Brötchen zum Fertigbacken“ neu aufgenommen.

 

Gefühlte Inflation: So täuschen wir uns

W enn Schokolade teurer und Fernseher billiger geworden sind – was heißt das dann für die Inflation? Für den Statistiker ist klar: Ein Produkt fällt je stärker ins Gewicht, je mehr die Leute übers Jahr gerechnet dafür ausgeben.

Der Normalmensch tickt anders. Zumindest nach der Theorie der Inflationswahrnehmung“ des Schweizer Statistik-Professors Hans Wolfgang Brachinger. Erstens schauen wir vor allem auf die Preise häufig gekaufter Waren. Was für Miete oder Autoversicherung abgebucht wird, registrieren wir kaum, selbst wenn es einen hohen Anteil hat.

Zweitens ist da die Abneigung gegen Verluste. Wir nehmen Preissteigerungen viel intensiver wahr als Preissenkungen“, so Brachinger. Drittens ist der Vergleichspreis, auf dem unser Urteil teuer“ oder billig“ basiert, oft älter, als wir denken. Ein gewisser Aufschlag ist also normal.

Aufgrund seiner Theorie konstruierte Brachinger einen Index der wahrgenommenen Inflation“: Er gewichtet die amtlichen Preisdaten nach der Intensität, mit der wir sie spüren.

Und siehe da: Die gefühlte Inflation war 2002, nach Einführung des Euro-Bargelds, vier- mal so hoch wie die echte. Zu Jahresbeginn hatten sich einige Obst- und Gemüsesorten stark verteuert, Folge eines frühen Wintereinbruches in Südeuropa. Dies wurde verallgemeinert und dem Euro angerechnet.

 

Reallohn: Die Bilanz

Die Inflation nagt an unserer Kaufkraft – Jahr um Jahr. Seit 1950 haben sich die Lebenshaltungskosten fast verfünffacht. Anders ausgedrückt: Von einer D-Mark des Jahres 1950 wären heute umgerechnet nur noch etwas mehr als 20 Pfennig über.

Doch der Wohlstand hängt nicht nur von den Preisen, sondern auch von den Einkommen ab. Die Brutto-Monatslöhne sind heute rund 20-mal höher als 1950, trotz viel kürzerer Arbeitszeit. 1960 musste ein Durchschnittsverdiener 14 Minuten für einen Liter Benzin arbeiten – 2006 nur noch 6 Minuten, trotz des höheren Ölpreises.

In den letzten Jahren fällt die Gesamtbilanz von Löhnen und Preisen zwiespältig aus: In manchen Branchen, etwa der Metall- und Elektro-Industrie, sind die Reallöhne weiter kräftig gestiegen. In der Gesamtwirtschaft haben sie stagniert.

 

Wir fragten Walter Radermacher, den Präsidenten des Statistischen Bundesamtes

Herr Chef-Statistiker, wie fundiert sind Ihre Zahlen?

Wiesbaden. Seit 1978 ist er dabei, seit Ende 2006 an der Spitze: AKTIV sprach mit Behördenleiter Walter Radermacher (54) über die Zweifel vieler Bürger an der amtlichen Inflationsrate – die ihm auch schon am heimischen Frühstückstisch begegnet sind.

Trotz höherer Mehrwertsteuer kaum Teuerung: Sind Sie sicher, dass Sie sich da nicht vertun?

Absolut. Die Inflationsrate der Verbraucher gehört zu unseren besonders zuverlässigen Auslieferungen. Jeden Monat notieren dafür 560 Preiserheber an 40.000 Verkaufsstellen 350.000 Einzeldaten. Der Befund ist eindeutig: Der Handel konnte die Steuererhöhung zu Jahresbeginn kaum auf die Verbraucher überwälzen.

So hat Ihre Behörde uns auch nach dem Euro-Start beruhigt ...

... und viele Bürger haben uns nicht geglaubt. Sogar meine Frau hat mich nach der Bargeld-Einführung Anfang 2002 gefragt, wie wir bloß auf diese niedrigen Inflationsraten kommen würden. Ich war damals als Verwaltungschef des Statistischen Bundesamtes unter anderem für Qualitätskontrolle zuständig.

Ist am Teuro-Vorwurf doch was dran?

Die Messung war und ist völlig korrekt. Über alles gesehen hat der Euro keinen Preisschub ausgelöst: Die Verbraucherpreise sind derzeit nur moderat höher als am Ende des letzten D-Mark-Jahres 2001 – um gut 8 Prozent. Aber wir haben damals trotzdem etwas gelernt. Es reicht nicht, richtig zu rechnen, wir müssen unsere Zahlen auch vernünftig rüberbringen.

Wie wollen Sie die Bürger überzeugen?

Ich denke, dass vor allem unser Preismonitor im Internet hilft. Dort kann man sich einfach vor Augen führen, wie stark sich einzelne Produkte verteuern oder verbilligen – auch jene, die wir nicht ständig im Blick haben. Und es wird auch klar, dass wir Unangenehmes keineswegs ausblenden. So sieht man bei den Übernachtungen deutlich den preistreibenden WM-Effekt im Juni/ Juli 2006.

Wie garantieren Sie, dass die Preiserheber vor Ort exakt arbeiten?

Das sind sehr versierte Leute, die den Job schon jahrelang machen. Trotzdem werden ihre Angaben intensiv gegengecheckt: Die Statistischen Landesämter prüfen die gemeldeten Preisdaten mit ausgefeilten Computerprogrammen auf Plausibilität – da fällt auf, wenn irgendwo etwas nicht stimmt. Zudem gibt es Kontrollen und eigene Preisrecherchen hier im Bundesamt. Und schließlich haben unsere Partner vom Europäischen Statistikamt in Luxemburg ein akribisches Auge auf unser Tun.

Kann die Politik auf Ihre Zahlen Einfluss nehmen?

Selbst wenn sie das wollte, hätte sie keinerlei Möglichkeit. Im Bundesstatistikgesetz ist klipp und klar geregelt, dass wir in methodischen Fragen unabhängig sind. Und was viele nicht wissen: Dass wir wichtige volkswirtschaftliche Zahlen stets zu einem vorher angekündigten Termin veröffentlichen, gehört zu unseren Grundsätzen.

Zwar können sich Ministerien auch kurz vor der Veröffentlichung über die Ergebnisse informieren, um ihre Einschätzungen vorzubereiten. Aber Verhältnisse wie einst in der DDR, wo sich Wirtschaftsminister Günter Mittag vor der Veröffentlichung noch schnell ein paar Prozent mehr oder weniger wünschen durfte, wären bei uns undenkbar.

Es wurde aber auch in einer Demokratie schon manipuliert: In Griechenland, bei der Schuldenstatistik.

Das war in der Tat skandalös. Aber der 2004 bekannt gewordene Vorfall hat unsere politische Unabhängigkeit noch gestärkt. Er hat in der gesamten Europäischen Union eine sehr tief gehende Diskussion über den Status der Statistik-Ämter ausgelöst. Der Ecofin, das Gremium der Wirtschafts- und Finanzminister, hat dazu einen strengen Kodex verabschiedet. Und Sie dürfen mir glauben: Beim Thema Seriosität geht es für mich als Behördenleiter ans Eingemachte.

 

Preismonitor im Internet

Das Statistische Bundesamt bietet über seine Website www.destatis.de interessierten Bürgern jede Menge kostenlose Informationen an. Im Bereich Preise“ sind besonders interessant:

     

  • Der Preismonitor für oft gekaufte Waren (www.destatis.de/preismonitor): Hier kann man auf einen Blick sehen, dass etwa Zahncreme schon wieder teurer geworden ist Spülmittel dagegen billiger.
  • Unter dem Link www.destatis.de/indexrechner findet sich die Möglichkeit, die ganz persönliche Inflationsrate zu schätzen: Per Mausklick kann man zum Beispiel einen besonders hohen Anteil der Miete an allen eigenen Ausgaben berücksichtigen.
  • Das Heft Preise in Deutschland 2006: Die Broschüre mit gründlichen Erklärungen in Sachen Verbraucherpreise steht unter www.destatis.de/preise zum Gratis-Download bereit.
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Barbara Auer, Ulrich von Lampe, Thomas Hofinger


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