Das "grünste" Stahlwerk der Welt in Gefahr: AKTIV im Norden

Die Kehrseite der Energiewende

Das "grünste" Stahlwerk der Welt in Gefahr


Der Arbeitstag von Lutz Bandusch beginnt idyllisch. Er fährt am frühen Morgen mit dem Rad hinunter zur Elbe und überquert den Fluss auf einer Fähre.

Am anderen Ufer steht das Hamburger Stahlwerk von ArcelorMittal. Hier ist Bandusch Geschäftsführer. Seit 15 Jahren tritt er morgens und abends in die Pedale, und mit ihm etwa 40 andere radelnde Mitarbeiter. Doch wie lange noch?

Deutschlands nördlichste Stahlkocher sind in Sorge. Die Energiewende setzt ihnen zu, ausgerechnet ihnen, die als besonders umweltfreundlich gelten – und das liegt nicht an der hohen Radler-Quote der Belegschaft. „Seit der Werkgründung 1970 haben wir die Energie-Effizienz immer mehr verbessert. Heute sind wir für unsere Erzeugungsrate das energie-effizienteste Stahlwerk der Welt“, sagt Bandusch.

Dafür wurde einiges getan: 55 Prozent des Stahls entstehen heute aus dem Recycling von Schrott. Moderne Anlagen haben den CO2-Ausstoß gesenkt. Und fürs Heizen und Duschen nutzt man die Abwärme der Produktion. Doch was nutzt es?

Obwohl das Werk Vorbild sein könnte für viele andere Betriebe, droht ihm das Aus. Und zwar dann, wenn die Hamburger für Strom mehr ausgeben müssten, als sie mit ihrem Stahl einnehmen.

Der flüssige Stahl in der Pfanne ist 1.600 Grad heiß

Noch fließt der Stahl gelbrot-glühend mit 1.600 Grad aus dem Ofen in die Pfannen, die auf Schienen Richtung Gießanlage rollen. Hier wird der Stahl in einen schmalen Strang gegossen, in dem er sich zu langen Knüppeln formt und auf Rollgängen abkühlt.

Wenn die Gießer Alexander Kade und Jürgen Bieber in ihren Astronauten-ähnlichen Hitzeschutzanzügen den Stahl fließen lassen, fragen sie sich immer häufiger: Lässt die Politik hier tatsächlich bald den Ofen ausgehen?

Weil erneuerbare Energien gefördert werden, müssen Verbraucher und Unternehmen seit einigen Jahren die sogenannte EEG-Umlage zahlen. Besonders energie-intensive Betriebe bekommen Rabatte, um im internationalen Geschäft keine Nachteile zu haben.

Auch ArcelorMittal profitiert davon. „Das ist aber kein Vorteil“, so Bandusch. „Denn selbst mit Rabatt haben wir in Deutschland den zweithöchsten Strompreis nach Italien.“ Für die Hamburger Stahlkocher eine schwere Last, denn sie verbrauchen 750 Millionen Kilowattstunden im Jahr.

Der Ofen: Eine Million Tonnen Stahl produziert das Werk im Jahr. Für Energie gibt ArcelorMittal 100 Millionen Euro aus. Denn das Unternehmen verbraucht pro Jahr so viel Strom wie 200.000 Haushalte. Foto: Augustin
Der Ofen: Eine Million Tonnen Stahl produziert das Werk im Jahr. Für Energie gibt ArcelorMittal 100 Millionen Euro aus. Denn das Unternehmen verbraucht pro Jahr so viel Strom wie 200.000 Haushalte. Foto: Augustin

Es drohen Mehrkosten von 50 Millionen Euro

Würden die Rabatte, wie derzeit diskutiert, gestrichen, wäre das Werk schlagartig in den roten Zahlen. Bandusch: „Mehrkosten von 50 Millionen Euro bei einem Gewinn von 10 Millionen Euro machen 40 Millionen Miese.“ Selbst der neueste Vorschlag der EU-Kommission würde noch zu 10 Millionen Euro Mehrkosten führen und den Gewinn auffressen.

Im Leitstand der Stranggießanlage sitzen die Gießmeister Rainer Günther und Stefan Poppe wie zwei Piloten im Cockpit. Sie blicken auf vier Bildschirme und kontrollieren die Produktion.

Das Endprodukt ist Qualitätswalzdraht, aus dem unter anderem die Gitter von Einkaufswagen werden. Die Männer sind stolz auf ihren Stahl. Bandusch auch. „Man könnte sagen, wir stellen hier den grünsten Stahl der Welt her“, sagt er. „Doch leider gibt es dafür keine Nachfrage, auch wenn alle immer von Umweltschutz reden.“

Weitere Stromkosten-Steigerungen könnten nicht an die Kunden weitergegeben werden. Und leider würden diese Kosten nur in Europa so stark steigen. Bandusch: „90 Prozent des Stahls werden auf anderen Kontinenten produziert, rund 50 Prozent in China, wo es keine Energiewende gibt. Wir versuchen, das Weltklima ganz allein zu retten. Keiner folgt uns.“

Der Chef klingt leicht resigniert. Er denkt an die 550 Mitarbeiter bei ArcelorMittal in Hamburg. Sie haben Arbeitsplätze mit Spitzenverdiensten und einem Höchstmaß an Arbeitsschutz. Und es gibt 45 Auszubildende.

„Wenn diese Industrie abwandert, hat niemand etwas davon“, da ist Bandusch mit dem Betriebsrat einig. Die Produktion ginge dann in Billiglohnländer mit deutlich weniger Umweltschutz und weniger Arbeitssicherheit – wie in der Textilbranche bereits seit Jahren zu beobachten.

Die Energiewende könnte so zur De-Industrialisierung führen. Bandusch: „Wandern Stahl, Kupfer und Aluminium ab, werden weitere Industrien folgen.“

ArcelorMittal, Hamburg

Die ArcelorMittal Hamburg GmbH, gegründet 1970 als Hamburger Stahlwerke, wurde 1995 vom indischen Unternehmer Lakshmi N. Mittal übernommen. Er schmiedete 2007 aus dem luxemburgischen Arcelor S.A. und der niederländischen Mittal Steel Company den größten Stahlkonzern der Welt. Das Unternehmen betreibt international rund 60 Werke.

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Dradenaustraße 33
21129 Hamburg

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