Brauchen wir die Rente mit 63 überhaupt?: AKTIV im Norden

Kommentar

Brauchen wir die Rente mit 63 überhaupt?

Hohe Motivation: Die meisten Menschen der Altersklasse 50 plus können und wollen noch arbeiten. Foto: Fotolia

Die Tinte unter dem neuen Rentengesetz war noch nicht trocken, da forderten die Ersten bereits die nächste Altersabsenkung. Die „Rente mit 60“ soll es sein. Warum nicht noch früher? Quasi jetzt in die Sommerferien – und nie mehr zurück in den Betrieb.

Eine schöne Vorstellung? Nicht für alle. So erzählte kürzlich ein langjähriger Betriebsrats-Chef, der nun mit 62 aus der Altersteilzeit in Rente ging: „Ich vermisse die Arbeit.“ Die „Rente mit 63“ hält er für Unfug. Er fühle sich im Kopf doch wie 35.

Ein anderes Beispiel: Da berichtet ein norddeutscher Unternehmer, von seinen rund 200 Beschäftigten erfüllten mindestens 10 die Voraussetzungen für die abschlagsfreie Rente mit 63. Auf die Frage, wie viele den Schritt gehen, sagte er stolz: „Keiner!“ Die Gründe lägen doch auf der Hand: Die Mitarbeiter seien fit, fühlten sich wohl im Kollegenkreis und würden gut behandelt.

Wohin man auch schaut: Es zeigt sich, dass die meisten der älteren Arbeitnehmer das Rentenpaket nicht brauchen, weil sie voll arbeitsfähig sind. Die vom Bundestag beschlossene Vollbremsung zum 1. Juli 2014 ist demnach für viele gar nicht erstrebenswert.

Dennoch lagen den Rentenversicherungen schon Ende Juni 12.000 Anträge vor. Das Arbeitsministerium rechnet aufs ganze Jahr mit 200.000 Anträgen. Der Großteil der freiwerdenden Stellen wird kurzfristig nicht nachbesetzt werden können. So geht ein enormer Erfahrungsschatz viel zu früh verloren. Die Leute werden den Betrieben fehlen – und vielen wird die Arbeit fehlen. Ich möchte allen Betroffenen sagen: Nur weil es ein Gesetz gibt, müssen Sie es nicht nutzen!

Weitermachen lohnt sich – unter sozialen Gesichtspunkten wie auch unter finanziellen. Nur ein Rechenbeispiel: Wer heute 63 ist, keine 45 Beitragsjahre vorweisen kann, aber trotzdem in Rente geht, der bekommt 176 Euro weniger im Monat, als wenn er bis zum regulären Rentenalter weiterarbeiten würde.

Ich bin fest davon überzeugt: Die meisten über 60 gehören keineswegs zum alten Eisen. Aber die Politik macht sie dazu. Das haben sie nicht verdient.


Der Autor

Nico Fickinger ist Hauptgeschäftsführer der Arbeitgeberverbände Nordmetall und AGV Nord, die „AKTIV im Norden“ möglich machen.

Diskutieren Sie mit ihm: nordwort@aktivimnorden.de

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