Bei Blohm + Voss Industries schreiben Mitarbeiter eine Hauszeitung ? mit professionellem Anspruch: AKTIV im Norden

Schreiben statt schweißen

Bei Blohm + Voss Industries schreiben Mitarbeiter eine Hauszeitung – mit professionellem Anspruch


Lange darf ich heute nicht bleiben“, sagt Michael Steinhagen und lässt sich auf einen Stuhl am Konferenztisch fallen. Er ist aus der lauten Werkhalle von Blohm + Voss Industries (BVI) ins ruhige Bürogebäude geeilt, doch die strengen Arbeitsschutzregeln der Metaller gelten auch hier: Noch 90 Minuten, dann hat der 54-Jährige die maximal erlaubte Arbeitszeit pro Tag erreicht. Dann ist Feierabend.

Die Zeit drängt, denn die Metallarbeiter planen eine Zeitung. Und das während der regulären Arbeitszeit. Heute ist Themensitzung für die zwölf Seiten mit dem Titel „Team + Work“ (T + W). Es ist die Mitarbeiterzeitung von BVI in Hamburg, die viermal im Jahr erscheint.

Ein einzigartiges Projekt. Magazine zur internen Kommunikation gibt es in vielen Firmen, aber meist werden sie von externen Profis geliefert. Bei BVI dagegen machen sieben Mitarbeiter aus Produktion und Verwaltung das Blatt. Und dies, so die Idee, völlig unbeeinflusst von „oben“.

Die Beteiligten bestimmen die Themen, führen Interviews, recherchieren und schreiben am Ende die Texte. „Das war anfangs schon eine große Herausforderung“, erzählt Steinhagen. „Aber man wächst an den Aufgaben.“

Der gelernte Maschinenschlosser hatte mit dem Verfassen von Texten vorher „nix am Hut“. Normalerweise ist die Arbeitsvorbereitung bei der Fertigung von Wellenabdichtungen sein Terrain, doch seit drei Jahren gibt es „T + W“, und Steinhagen war von Anfang an dabei. „Mittlerweile gefallen mir viele Texte richtig gut“, sagt er. Sogar in der Freizeit schraubt er noch an seinen Artikeln.

Die Firma zahlte das Schreibtraining

BVI lässt sich die Zeitung einiges kosten. Zwei Tage Schreibtraining bei zwei externen Medienexperten spendierte die Firma jedem, der mitmachen wollte. Die Profis stehen der Redaktion noch immer bei jeder Ausgabe als Berater und Layouter zur Seite.

„Von denen haben wir viel gelernt“, sagt Dierk Harrie. Wie sein Redaktionskollege Jan Markus Körber, mit 22 Jahren der Jüngste in der Runde, war auch er ein Schreiblaie. Anfangs stellte er in seinen Beiträgen Musiker und Künstler vor, inzwischen schreibt er „über fast alles“.

„Betriebsgeheimnisse sind natürlich tabu, aber ansonsten lässt man uns absolut freie Hand“, versichert Julia Viehrig, Assistentin der Kommunikationsabteilung. Die 29-Jährige ist, wie ihr Chef Malte Blombach, Teil des Teams.

Manchmal treten die Blattmacher mit kritischen Artikeln der Geschäftsleitung sogar auf die Füße. „Klar schreiben wir das auf, wenn aus unserer Sicht in der Firma etwas im Argen liegt“, sagt Steinhagen. „Sonst würden wir ja bei den Kollegen unglaubwürdig, und das Ganze hätte keinen Sinn.“

Diesmal beginnt die Redaktionskonferenz mit einer Blattkritik der letzte Ausgabe. Die handelte komplett vom Mittagessen und war ein voller Erfolg. Die Reporter waren ausgeschwärmt und hatten erkundet, was die Kollegen so aßen. Sogar ein „Auslandskorrespondent“ aus der Niederlassung Korea steuerte einen Artikel bei. Denn das Team versucht stets, Kollegen einzubeziehen. Manche liefern fertige Storys ab, andere nur Stichworte. Steinhagen: „Wir machen dann was daraus.“

Kontroverse Debatten

Obwohl alle den Arbeitstag schon fast hinter sich haben, sprudeln die Ideen: „Das erste Mal auf Montage – wer schreibt das?“, fragt einer. „Der kulturelle Riss zwischen Halle und Hauptgebäude“, schägt ein anderer vor. Antwort: „Gibt’s den wirklich?“ „Ja klar“, behauptet der Kollege, „einige müssen zur Weihnachtsfeier ausstempeln, andere nicht.“ Sofortiger Protest: „Quatsch, wir stempeln auch aus!“

Es ist lustig in der Runde, und doch wird stringent gearbeitet. Am Ende sind die Themen verteilt, und die Arbeit kann beginnen.

Sechs Wochen später ist wieder Konferenz. Grafiker Christian Talla hat seinen Rechner dabei. Jeden festen Themenvorschlag schiebt er sofort an einen Platz im Layout. „Wie groß wollt ihr die Titelstory?“ Alle starren auf den Schirm. „Nee, das Foto muss doch größer“, entscheidet einer. „Und da, bei dem Artikel über die Brüder, bitte weniger Zeilen.“ Textchefin Ulrike Hartmeyer notiert den Heft-Plan.

Es bleiben 14 Tage bis zur Abgabe der Texte. Top-Thema ist ein Porträt des neuen Kantinenteams plus Umfrage. „Ein Muss“, findet Jan Markus Körber. „Die kochen uns täglich das Essen, und wir kennen nicht mal ihre Namen.“

Die Karikatur für Seite 1 zeichnet wie immer mit feinster Feder Helmut Plaaß, „Blohmer“ seit 43 Jahren. Lediglich die Fotografie und die Übersetzung für die englische Ausgabe übernehmen Profis.

Dann endlich ist es so weit: In grauen Kartons kommt die neue Ausgabe aus der Druckerei. Stolz fingert Steinhagen einen dicken Packen heraus. Nun kommt für ihn der schönste Part: Mit Dierk Harrie verteilt er das Blatt im gesamten Betrieb persönlich an die 338 Kollegen.

Noch vor der Neun-Uhr-Pause haben sie jeden in der Halle versorgt – erst danach ist die Verwaltung dran. So viel Solidarität unter Werkern muss sein …

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