Aus dem Reinraum in den Weltraum: AKTIV im Norden

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Aus dem Reinraum in den Weltraum


EADS Astrium in Bremen: Hier entsteht die Oberstufe der Ariane 5

Holger Pein zieht seinen Kittel an, streift Überzieher über die Schuhe und verbirgt seine Haare unter einer Haube. Nur so darf er seinen Arbeitsplatz betreten: die Integrationshalle im Bremer Astrium-Werk. „Hier bauen wir die Oberstufen der Ariane 5 zusammen“, sagt der Teamleiter Integration.

Man merkt dem Vorgesetzten von 44 Mechatronikern, Fluggerätmechanikern und Elektrikern den Stolz an. Schließlich ist die Ariane 5 die erfolgreichste kommerzielle Rakete der Welt. Und das liegt auch an der sauberen Leistung der Bremer Spezialisten.

Bei der Integration, also der Montage der Oberstufe, spielt absolute Sauberkeit die entscheidende Rolle. Luft- und Raumfahrtingenieur Thomas Knecht, im Astrium-Management für die Ariane-5-Oberstufe mitverantwortlich, nennt den Grund: „Wenn die Rakete fliegt, kann niemand mehr eingreifen. Deshalb muss schon bei der Produktion alles stimmen.“

Weil kleinste Partikel im Weltall zu erheblichen Störungen führen können, wird im Reinraum gearbeitet. Hier ist die Luft um das Tausendfache sauberer als in normaler Umgebung. Kohlefilter, die eine komplette Hallenwand bedecken, lassen nur gereinigte Luft ins Innere. Zudem ist der Luftdruck etwas höher. „So kann kein Staub eindringen“, sagt Knecht. Während ständig ein Mitarbeiter den Boden feucht wischt, sind Ingenieure und Monteure an vier großen Montageständen beschäftigt.

Ein Puzzle mit 25.000 Teilen

Dort sind die 4 Meter hohen und im Durchmesser 5,4 Meter großen Oberstufen eingehängt. „Für eine Oberstufe brauchen wir etwa viereinhalb Monate“, sagt Teamleiter Pein. Im Jahr könnten bis zu acht Einheiten gebaut werden: „Zurzeit produzieren wir sechs bis sieben Stück jährlich.“ Die Hälfte der 1000 Bremer Astrium-Mitarbeiter ist mit diesem Top-Produkt der europäischen Raumfahrtindustrie beschäftigt.

Der Oberstufen-Zusammenbau ist ein Puzzle mit rund 25.000 Einzelteilen. Sie werden von mehreren Hundert Firmen aus ganz Europa angeliefert. Über eine Luftschleuse gelangen sie in die Integrationshalle.

Alle Komponenten von der Raketenhülle bis zur Schraube werden erfasst. „Die generelle Rückverfolgbarkeit und Dokumentation aller Bauteile ist ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeitsphilosophie“, sagt Manager Knecht.

Extreme Tem­peraturen und Geschwindigkeiten, Schwerelosigkeit und Strahlenbelastung dürfen der Ariane nichts anhaben. „Deswegen müssen wir alle Eventualitäten beim Zusammenbau vorwegnehmen und zahlreiche Sicherungssysteme einbauen.“ Das „Gehirn“ der Oberstufe, der Zentralrechner, ist daher in doppelter Ausführung an Bord. Den größten Raum aber nehmen die Tanks für tiefkalten Flüssigsauerstoff und Flüssigwasserstoff ein.

Die Treibstoffe werden in einem Spezialtriebwerk gezündet und entwickeln eine Schubkraft von 65 Kilo-Newton, 180.000 PS. So kann die Trägerrakete Ariane 5 zwei Satelliten, umgerechnet rund 10 Tonnen Nutzlast, auf eine Höhe von 36.000 Kilometer bringen. Die komplette Ariane 5 ist 46 Meter hoch und wiegt 800 Tonnen. Beim Start zünden die beiden seitlichen Hilfsraketen, die Feststoff-Booster, mit je 13 Millionen PS. Zusätzlich sorgt der Antrieb der Zentralstufe mit vier Millionen PS für Schub.

Nach zweieinhalb Minuten und 65 Kilometern Strecke werden die ausgebrannten Booster abgetrennt. Das Haupttriebwerk sorgt dafür, dass die Rakete noch acht Minuten weiterfliegt.

Die neue Rakete ist wiederzündbar

Dann ist die Bremer Oberstufe dran. Sie brennt eine Viertelstunde und bringt die Satelliten ganz präzise in ihre Umlaufbahnen. „Wir haben in diesem Jahr zwei Satelliten mit einer Genauigkeit von weniger als 100 Metern an ihr Ziel gebracht“, so Knecht.

Seit 1996 fliegt die Ariane 5. Ab 2016 soll eine weiterentwickelte Version starten. Die Ariane 5 ME (Midlife Evolution) kann zwölf statt bisher zehn Tonnen Nutzlast tragen und ist wiederzündbar. „Und auch sie wird in Bremen gebaut“, freuen sich Pein und Knecht. Damit, so hoffen sie, kann Astrium seine Stellung im internationalen Satellitentransport weiter festigen. Und die ist exzellent: Die Bremer sind Weltmarktführer.

Lothar Steckel

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