70 Jahre Untergang der ?Gustloff?: Ein Überlebender aus Hamburg erinnert sich: AKTIV im Norden

Die größte Katastrophe der Seefahrt

70 Jahre Untergang der „Gustloff“: Ein Überlebender aus Hamburg erinnert sich

Der erste Torpedo kam völlig unerwartet. Er schlug ein, als das Bordradio gerade die Nationalhymne spielte – schließlich feierte man im fernen Berlin den zwölften Jahrestag der „Machtergreifung“, der Ernennung Hitlers 1933 zum Reichskanzler. Der zweite Torpedo folgte wenige Sekunden später, der dritte detonierte mittschiffs im Maschinenraum. Damit war das Schicksal der „Wilhelm Gustloff“ besiegelt. Das Schiff legte sich auf die Seite und begann zu sinken.

Der Untergang des ehemaligen Kreuzfahrtschiffs vor der pommerschen Küste ist bis heute die größte Katastrophe in der Geschichte der Seefahrt. Über 9.000 Menschen starben an diesem Abend des 30. Januar 1945, wenige Monate vor Kriegsende, in der eisigen Ostsee.

Über 10.000 Flüchtlinge auf einem Schiff, das für 1.500 Passagiere bestimmt war

Die 208 Meter lange „Gustloff“, gebaut bei Blohm & Voss in Hamburg und zugelassen für etwa 1.500 Passagiere, war auf dem Weg vom damaligen Gotenhafen (heute: Gdynia, Polen) Richtung Westen. An Bord befanden sich mehr als 10.000 Flüchtlinge, die meisten von ihnen Frauen und Kinder. Unter ihnen der 13-jährige Günther von Maydell mit seiner Mutter.

Der gebürtige Deutsch-Balte, der heute in Hamburg lebt, erinnert sich sehr genau an die Ereignisse. „Es war bitterkalt“, erzählt der jetzt 83-Jährige, während er im Maritimen Museum Hamburg vor einem Modell der „Gustloff“ steht. „Wir gehörten zu den Glücklichen, die eine Kabine auf dem Schiff bekamen. Sie lag auf einem der zwei Promenadendecks an der Steuerbord-Seite.“

Zu verdanken hatten die Maydells diese Unterbringung einem alten Bekannten der Mutter. Sie hatte zeitweilig in Finnland gearbeitet und dort den deutschen Marinemaler Adolf Bock kennengelernt. Dieser lebte inzwischen in Gotenhafen und wohnte auf der „Gustloff“, die mittlerweile als schwimmendes Quartier für angehende U-Boot-Matrosen diente.

Die Maydells beziehen ihre Kabine am 26. Januar. „Wir hatten unsere Habseligkeiten auf zwei Schlitten gepackt und machten uns auf den Weg zum Hafen“, erzählt der Pensionär. „Mein Bruder Bernd war nicht dabei, da er etwas älter war und bereits eine landwirtschaftliche Ausbildung begonnen hatte.“ Auf dem Schiff drängen sich die Flüchtlinge, immer mehr Menschen kommen hinzu. Sie alle wollen nur eins: So schnell wie möglich weg, raus aus dieser Stadt, in der bereits die Geschütze der vorrückenden russischen Armee zu hören sind.

Anfangs werden die an Bord strömenden Menschen noch namentlich erfasst, aber irgendwann kapitulieren die Schreiber vor dem Andrang. Außerdem geht ihnen das Papier aus. Als kurz darauf von Marine-Beobachtern gemeldet wird, die „mittlere und westliche Ostsee“ sei „frei von U-Booten“, gibt Kapitän Friedrich Petersen den Befehl zum Auslaufen. Am Mittag des 30. Januar macht sich die „Gustloff“ auf den Weg.

„Ich fand das alles spannend“, erzählt Günther von Maydell. „Es war für damalige Verhältnisse ein riesiges Schiff, und für uns Kinder gab es viel zu entdecken. Wir waren ja auch alle erleichtert, dass wir es geschafft hatten.“

Die „Gustloff“ dampft unterdessen mit zwölf Knoten Richtung Westen. Die Lichter sind ausgeschaltet, um feindlichen U-Booten kein Ziel zu bieten. Da eilt gegen 18 Uhr ein Maat auf die Brücke und bringt dem Kapitän einen Funkspruch. Ein Minensuchverband komme der „Gustloff“ entgegen, heißt es darin. Es droht Kollision.

Rätsel um einen Funkspruch, der dem Schiff zum Verhängnis wurde

Diese Warnung ist verbürgt, aber sie wirft bis heute Rätsel auf. Denn sie ist falsch. Es gibt auf dem „Gustloff“-Kurs keinen entgegenkommenden Schiffsverband. Das aber kann Kapitän Petersen nicht wissen. Er berät sich mit seinen Offizieren und entscheidet kurzerhand: Alle Positionslichter einschalten, um Kollisionen zu vermeiden.

Ein fataler Fehler, denn die Marine-Aufklärer haben ein sowjetisches U-Boot übersehen. Es ist die „S 13“ unter Kommando von Alexander Iwanowitsch Marinesko, die vor der Küste lauert. Das U-Boot ist allein unterwegs, nachdem Marinesko den Anschluss an seine Einheit verloren hat. Bei einem Aufenthalt am finnischen Stützpunkt Turku hatte er den Befehl zum Auslaufen ignoriert und stattdessen eine mehrtägige Zechtour unternommen.

Als nun die „Gustloff“ gesichtet wird, gibt Marinesko den Befehl zum Angriff. Das U-Boot nimmt die Verfolgung auf und schießt schließlich drei Torpedos auf die Backbord-Seite des mächtigen Schiffes ab.

Im Museum zeigt der 83-jährige Günther von Maydell auf die Steuerbord-Seite des „Gustloff“-Modells. „Hier war unsere Kabine. Ich lag bereits in der Koje und las ein Karl-May-Buch, als wir getroffen wurden. Drei heftige Explosionen, direkt nacheinander. Ich wusste sofort, dass das Torpedos waren.“

Die Lektüre rettet dem Jungen vermutlich das Leben. Anders als die meisten anderen Passagiere, die bereits erschöpft im Tiefschlaf liegen, kann er sofort reagieren. Er greift seinen Mantel und rennt zwei Etagen höher auf das Deck mit den Offizierskabinen. Dort besucht seine Mutter ihren Bekannten aus alten Tagen, den Maler Adolf Bock.

Gemeinsam laufen die drei hinaus zu den Rettungsbooten, aber dort herrscht Chaos. Die Kurbeln für das Abfieren der Boote fehlen, man kann sie nicht zu Wasser lassen. Zudem ist alles vereist, ein schneidender Wind pfeift über das Deck, und überall hasten panische Menschen durch die Dunkelheit. Und das Schiff hat längst begonnen, nach links über den Bug in der Ostsee zu versinken.

Da hat Bock eine Idee. „Ihm fiel ein, dass auf dem Deck neben dem Schornstein ein Kutter stand“, erzählt von Maydell. „Den hatte man in Gotenhafen mit dem Kran aufs Schiff gehoben.“ Die drei hangeln sich an der Reling entlang und krabbeln mit letzter Kraft über die hohe Bordwand in das Boot. Dort hocken bereits einige Menschen, darunter auch der Kapitän.

Als die „Gustloff“ versinkt, schwimmt der Kutter auf, und der 13-jährige Günther sieht mit Grausen, wie Hunderte von Erwachsenen und Kindern im kalten Wasser treiben. „Ich hörte ihre Schreie“, sagt er. „Es war furchtbar, man konnte nichts tun.“ Nach etwa einer Stunde werden die Havarierten in ihrem Kutter vom deutschen Torpedoboot T 36 gefunden und an Bord geholt.

Ein unglaublicher Zufall hilft bei der Suche nach dem verschollenen Bruder

So erreichen sie schließlich wieder das Festland, aber die Freude über die Rettung weicht bald der Sorge um Günthers Bruder Bernd. Der 16-jährige musste ebenfalls fliehen, aber niemand weiß, wo er steckt.

Da passiert etwas, was Günther von Maydell immer noch für ein Wunder hält. Als er mit seiner Mutter in Stralsund zum Bahnhof geht, kommt ihnen auf der Straße eine Gestalt entgegen. „Es war mein Bruder“, erzählt von Maydell. „Wären wir zehn Minuten früher oder später dort gewesen, hätten wir ihn verpasst.“

Die Erlebnisse dieser Zeit beschäftigen den 83-Jährigen bis heute, das ist deutlich zu spüren. Als wir uns in dem Museum verabschieden, sagt er: „Wir müssen uns immer an diese Katastrophe erinnern und alles dafür tun, dass so etwas nie wieder geschieht. Dieses schreckliche Unglück sollte uns eine Mahnung für alle Zeiten sein.“

Zur Person

Günther Baron von Maydell wurde 1931 in Reval (heute: Tallinn) geboren. Sein Vater hatte in Kidjärv (Estland) ein Gut besessen, seine Mutter arbeitete zeitweilig als Lehrerin. Sie landete 1945 auf der Flucht mit ihrem 13-jährigen Sohn Günther auf der „Wilhelm Gustloff“. Günther von Maydell lebt mit seiner Frau in Hamburg. Das Ehepaar hat drei Kinder und drei Enkel.


„Eigentlich ein schönes Schiff“

Günter Grass und viele andere Künstler beschäftigten sich mit der „Gustloff“

Als die „Wilhelm Gustloff“ am 5. Mai 1937 in Hamburg vom Stapel läuft, ist sie das größte Kreuzfahrtschiff ihrer Zeit. Als sie knapp acht Jahre später torpediert wird, führt das zur größten Schiffskatastrophe aller Zeiten.

Kein Wunder also, dass der Stoff zahlreiche Filmemacher, Künstler und Autoren inspirierte. Der bekannteste unter ihnen ist sicher Günter Grass. Der unlängst verstorbene Literatur-Nobelpreisträger, der unweit von Gotenhafen in Danzig geboren wurde, widmete dem Thema seine Novelle „Im Krebsgang“, die 2002 erschien.

Aus diesem Buch stammt auch das Zitat „War eigentlich ein schönes Schiff“, das zum Titel einer Ausstellung in Lübeck wurde. Sie ist noch bis 27. September im Günter-Grass-Haus zu sehen.

Der frühere Schiffszahlmeister wurde zum gefragten Autoren

Daneben gibt es eine ganze Reihe von Sachbüchern zum Thema, viele davon aus der Feder des anerkannten „Gustloff“-Experten Heinz Schön, der als angehender Zahlmeister auf dem Schiff mitfuhr.

Unter den Verfilmungen ist vor allem das Werk „Nacht fiel über Gotenhafen“ aus dem Jahr 1959 bekannt. Auch im TV wurde der Stoff mehrfach aufgegriffen, zuletzt 2008 in dem aufwendigen ZDF-Zweiteiler „Die Gustloff“ von Regisseur Joseph Vilsmaier.

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