Wie das Projekt ?Nordchance? beim Berufseinstieg hilft: AKTIV im Norden

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Wie das Projekt „Nordchance“ beim Berufseinstieg hilft

Routiniert spannt Mahmut Coban ein Werkstück in den Schweißroboter ein. Dann tippt er einige Daten ins Display, um die Anlage zu starten. „Ich fertige Rückschlagventile für Industriekunden“, erklärt der 22-Jährige. „Wir produzieren gerade Kleinserien, da muss ich die Maschine mehrfach umrüsten.“

Erst vor wenigen Monaten hat Coban seine Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker beendet. Seitdem arbeitet er in seinem Ausbildungsbetrieb, dem Bremer Industriearmaturen-Hersteller Flowserve Gestra, als Facharbeiter. „Ich habe die Chance, die man mir gegeben hat, genutzt“, sagt er mit einem bescheidenen Lächeln.

Die Gelegenheit, die der junge Mann meint, bot sich ihm vor vier Jahren. Damals hatte er gerade seinen erweiterten Hauptschulabschluss gemacht und suchte nun nach einem Ausbildungsplatz. Die Resonanz war jedoch anders als erhofft, irgendwie klappte es einfach nicht. Demotiviert zog er schließlich für sich selbst das Fazit: „Auf dem normalen Arbeitsmarkt wird das wohl nichts mit der Lehrstelle.“ Doch dann erfuhr er von dem Projekt „Nordchance“.

Diese Initiative des Arbeitgeberverbands Nordmetall wurde 2008 vom damaligen Nordmetall- und heutigen Präsidenten der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände, Ingo Kramer, ins Leben gerufen. Mittlerweile ist daraus ein Gemeinschaftsprojekt von Nordmetall, dem AGV Nord und der Bundesagentur für Arbeit geworden, das von regionalen Bildungsträgern umgesetzt wird. Ziel ist, jungen Menschen eine Brücke in die Ausbildung zu bauen.

Inzwischen sind in den Bundesländern Schleswig-Holstein, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg rund 780 Kandidaten durch das Programm gegangen, und etwa 75 Prozent der Praktikanten haben eine Lehrstelle bekommen.

So auch Mahmut Coban. Er bewarb sich, wurde genommen und startete in die erste Phase des Projekts, die gezielte Vorbereitung auf das siebenmonatige Praktikum in einem Unternehmen der Metall- und Elektro-Industrie. Gemeinsam mit 19 weiteren Nordchance-Teilnehmern drückte er zunächst drei Monate lang die Schulbank, paukte Mathe, Deutsch und Englisch. Auch Team- und Kommunikationstrainings und das Erstellen von Bewerbungsunterlagen standen auf dem Programm.

Um das anschließende Praktikum bei Flowserve Gestra musste er sich bewerben, doch diese Hürde nahm Coban locker. Das Vorstellungsgespräch und die folgenden Praktikumsmonate machte er sogar so gut, dass ihn das Unternehmen schließlich als Auszubildenden zum Zerspanungsmechaniker übernahm.

„Wir wollen sehen, dass sich die Jugendlichen entwickeln“, erklärt Nima Esmaili, Leiter der Ausbildungswerkstatt bei Flowserve Gestra. Grundtugenden wie Pünktlichkeit und Ordnung am Arbeitsplatz und der respektvolle Umgang mit Mitarbeitern und Vorgesetzten gehören aus seiner Sicht genauso dazu wie Fortschritte in fachlicher Hinsicht.

So wie Mahmut Coban hat auch Mikail Emirhüseyinoglu die Nordchance ergriffen und bei Flowserve Gestra eine Ausbildung absolviert. Damals nach der Schule wollte er einfach nur chillen, aber irgendwann wurde ihm klar, dass das kein Dauerzustand sein kann.

Heute gehört Emirhüseyinoglu zu den sechs ausgelernten „Nordchancelern“ bei dem Bremer Industriebetrieb. Eine Truppe, mit der Ausbilder und Vorgesetzte nach eigenen Angaben durchweg zufrieden sind.

Einige Teilnehmer brauchen mehr Hilfe, andere weniger

Diesen Status will Kenny Fest erst noch erreichen. Der 24-Jährige aus Nordenham wusste schon früh, dass eine Arbeit als Fluggerätmechaniker ihm gefallen würde, doch der Einstieg ins Berufsleben glückte ihm nicht. Nachdem er das Gymnasium mit dem Theorie-Teil der Fachhochschulreife abgeschlossen hatte, bewarb er sich bei verschiedenen Betrieben, aber ohne Erfolg.

Ein Jahr lang schlug er sich mit Aushilfsjobs durch. Bis er 2013 von der Nordchance erfuhr und genommen wurde. Heute lernt er im dritten Ausbildungsjahr seinen angestrebten Beruf des Fluggerätmechanikers im Airbus-Werk Bremen und weiß: „Ich habe das große Los gezogen.“

In der Tat hat er etwas geschafft, was nicht jedem gelingt – eine Ausbildung bei dem erfolgreichen Flugzeugbauer ist sehr begehrt. Tausende von Bewerbern hinterlassen jährlich ihre Daten auf dem Ausbildungsportal von Airbus, doch die Zahl der freien Stellen ist naturgemäß begrenzt. „Zwei Ausbildungsplätze pro Jahr halten wir für Nordchance-Bewerber frei“, erklärt Ausbilder Frank Tunkowski. „Das ist Teil unseres sozialen Engagements.“

Und ergänzt: „Kenny ist eigentlich gar nicht der typische Nordchance-Kandidat. Er wusste schon früh, was er will und kann. Außerdem ist er äußerst zielstrebig und braucht deshalb nur wenig Unterstützung.“

Dennoch nutzt der angehende Fluggerätmechaniker die Möglichkeit der betriebsinternen Nachhilfe und paukt regelmäßig Fachmathematik und Werkstoffkunde. Denn auch Kenny Fest weiß: Wer dauerhaft beruflichen Erfolg haben will, muss etwas dafür tun.

Ähnlich sieht es Ahmed Khoshnau, der Ende Mai 18 Jahre alt wird. Der gebürtige Niedersachse, dessen Eltern aus dem Irak stammen, wollte ursprünglich Kfz-Mechatroniker werden, aber seine Bewerbungen blieben allesamt ohne Erfolg.

„Keine Ahnung, warum“, erzählt der sympathische junge Mann, der seit acht Jahren in Kiel lebt. „Vermutlich gab es eine ganze Reihe von Gründen dafür, aber die schriftlichen Absagen aus den Unternehmen sind in der Regel ja so allgemein und freundlich formuliert, dass sie auch nicht weiterhelfen.“

An fehlenden Schulabschlüssen kann es jedenfalls nicht gelegen haben, denn Ahmed Khoshnau hatte nach der Hauptschule das regionale Berufsbildungszentrum Technik (RBZ) in Kiel besucht und dort die mittlere Reife gemacht. Nachdem es im Kfz-Bereich trotzdem nicht klappte, suchte er das Gespräch mit einem Berufsberater.

Khoshnau: „Der empfahl mir eine Ausbildung zum Gießereimechaniker und verwies mich an das Unternehmen Caterpillar Motoren, das bei uns in Kiel eine große Gießerei betreibt. Dort habe ich dann ein Praktikum absolviert.“

Ein guter Tipp, wie sich zeigte, denn die Arbeit machte dem Praktikanten „unheimlich viel Spaß“. Umso größer war die Enttäuschung, als es mit der erhofften Übernahme als Azubi nicht klappte. „Ein anderer Bewerber war noch einen Tick besser als ich“, erzählt Khoshnau, „daher bekam er den Zuschlag.“

Die Erfahrung zeigt: Wenn’s einmal läuft, dann läuft’s

Aber der junge Mann gab nicht auf und startete einen neuen Versuch, nun mithilfe von Nordchance. Dort absolviert er nun die Orientierungsphase und freut sich bereits auf den nächsten Abschnitt, die betriebliche Qualifizierung.

Seine Chancen stehen gut, auch statistisch betrachtet. Denn die Erfahrung zeigt: Nordchance funktioniert wie eine Initialzündung: Wer die erste Phase gemeistert hat, schafft den Rest ebenfalls. Wenn’s einmal läuft, dann läuft’s.


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Die Arbeitgeber der Metall- und Elektro-Industrie im Norden haben vor neun Jahren eine Initiative gestartet: Diese hat bereits Hunderte von jungen Menschen mit Startproblemen in Lohn und Brot gebracht.

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AKTIV im Norden Februar-Ausgabe 2017