Seit 75 Jahren fertigt Stryker medizinische Implantate: AKTIV im Norden

Ein echter Knochenjob

Seit 75 Jahren fertigt Stryker medizinische Implantate

Alles begann mit einem Arbeitsunfall im Jahr 1939. Auf einer Kieler Werft stürzte ein Ingenieur ins Trockendock und brach sich den rechten Oberschenkelknochen. Was für die heutige Medizin ein Routinefall wäre, war vor 75 Jahren ein extrem komplizierter Schadensfall mit großen Risiken für den Betroffenen.

Doch der Patient hatte Glück. Er wurde von einem Arzt namens Gerhard Küntscher behandelt, der höchst einfallsreich war. Dessen Idee: Statt die gebrochenen Knochen von außen zu fixieren, wollte er sie von innen stabilisieren. Und zwar mit einem in den Hohlraum des Knochens geschobenen Nagel – damit zusammenwächst, was zusammengehört.

In Tierversuchen hatte das prima funktioniert, jetzt fehlte nur noch ein menschlicher Proband. Da kam der Unglücksrabe aus dem Trockendock gerade recht.

Über 400.000 Nägel und eine Million Knochenschrauben pro Jahr

Die Operation gelang. Und das Ergebnis war so überzeugend, dass der Arzt in die Geschichte einging: Sein „Küntscher-Nagel“ revolutionierte die Medizin und wurde seither millionenfach eingesetzt.

Kein Zufall also, dass die Straße, in der die Stryker Trauma GmbH ihren Sitz hat, heute „Professor-Küntscher-Straße“ heißt. Hier in Schönkirchen bei Kiel entstehen die Nägel, mit denen täglich Knochenbrüche in aller Welt geheilt werden.

Die Firma, die seit den 60er-Jahren in amerikanischer Hand ist, zählt zu den Weltmarktführern in ihrem Bereich und fertigt mit rund 600 Mitarbeitern mehr als 400.000 Nägel und eine Million Knochenschrauben pro Jahr. Diese hohe Stückzahl ist vor allem deshalb möglich, weil das Unternehmen seit einiger Zeit intensiv an der Optimierung seiner Produktion arbeitet.

Pappkartons für perfekte Produktionsbedingungen

Unter anderem wurden sogenannte „Linienverantwortliche“ eingeführt, die gemeinsam mit ihren Kollegen regelmäßig beraten, wie sich die Abläufe weiter verbessern lassen. Einer von ihnen ist Boris Arp, der vor zehn Jahren über eine Zeitarbeitsfirma zu Stryker kam und heute für insgesamt 13 Mitarbeiter in seiner Abteilung zuständig ist.

Bei einem Rundgang durchs Werk erzählt der 34-Jährige von einem „Cardboard Workshop“, der kürzlich stattfand, als ein Bereich neu organisiert wurde. Arp: „Wir haben alle Maschinen symbolisch mit großen Pappkartons nachgebaut und dabei festgestellt, dass schon kleine Veränderungen große Folgen für die Effizienz haben können. In der Praxis hat sich das dann bestätigt.“

Sein Kollege Ulf Schilling, der gerade eine neu installierte CNC-Anlage testet, nickt: „Diese Maschine hier ist das Modernste, was man derzeit auf dem Markt finden kann. Aber selbst damit lassen sich nur dann optimale Ergebnisse erreichen, wenn alle Bedingungen stimmen.“

Einen hohen Aufwand betreibt Stryker auch bei der biomechanischen Prüfung der Produkte. Um die Schrauben und Nägel möglichst realitätsnah zu testen, werden sie auf dem Prüfstand an Knochen fixiert und dort auf Verdrehung, Zug und Druck belastet. Die bleichen Gebeine wirken täuschend echt, sind aber aus Kunststoff und kommen allesamt aus dem 3-D-Drucker.

Der Biomechaniker Christopher Bauer berichtet: „Wir haben auf dem Server eine elektronische Datenbank mit etwa 10.000 Knochen. Ein erwachsener Körper besteht zwar nur aus 206 Knochen, aber die sind bei jedem Menschen unterschiedlich – je nach Größe, Alter und Geschlecht.“ Die firmeneigene Datenbank liefere genau die Knochen, die man im Labor braucht.

Ein Bäumchen für jedes neugeborene Mitarbeiter-Kind

Entsprechend umfangreich ist bei Stryker das Sortiment an Einzelprodukten. Allein den „Gamma-Nagel“, der bei Oberschenkelfrakturen Einsatz findet, gibt es in zig verschiedenen Größen.

Entwickelt werden die Teile, die in der Regel aus Edelstahl oder Titan bestehen, von einer 80-köpfigen Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Sie arbeitet standortübergreifend, da Stryker einen Schwesterbetrieb in der Schweiz hat.

Besonders stolz sind die Schönkirchener auf ihr Engagement zugunsten der eigenen Belegschaft. Die Arbeitszeiten sind nicht starr, sondern können – im Rahmen des Möglichen – flexibel gehandhabt werden. Sportliche Aktivitäten werden gefördert. Und ein betriebliches Gesundheitsmanagement soll dazu beitragen, dass alle fit und leistungsfähig bleiben.

Außerdem betreibt man ein Nachwuchsprogramm ganz eigener Art: Für jedes neugeborene Mitarbeiter-Kind wird ein Baum gepflanzt.


Stryker Trauma GmbH, Schönkirchen bei Kiel

Streben nach Perfektion: Die Fertigung wird bei Stryker stetig optimiert. Foto: Mischke
Streben nach Perfektion: Die Fertigung wird bei Stryker stetig optimiert. Foto: Mischke

Gegründet wurde der Betrieb 1904 von dem Orthopädiemechaniker Ernst Pohl, der maßgeblich an der Entwicklung des „Küntscher- Nagels“ beteiligt war. Nach mehreren Namens- und Eigentümerwechseln erhielt die Firma im Jahr 2000 ihren heutigen Namen. Die Stryker Trauma GmbH zählt zu den weltweiten Marktführern für medizinische Nägel und beschäftigt etwa 600 Mitarbeiter.

Begegnung mit …

Alter Hase: Der Zerspaner ist seit 48 Jahren im Betrieb. Foto: Mischke
Alter Hase: Der Zerspaner ist seit 48 Jahren im Betrieb. Foto: Mischke

Hans-Jürgen Mertz: Firma ist „Familiensache“

Wer Hans-Jürgen Mertz an seinem Arbeitsplatz bei Stryker trifft, kann sich kaum vorstellen, dass er bereits in wenigen Monaten in Rente gehen soll. Der rüstige 64-Jährige hat sichtlich Spaß an seinem Job, auch wenn er ihn bereits seit 48 (!) Jahren macht.

„Ja, stimmt“, sagt Mertz und lacht. „Ich bin seit meinem ersten Lehrtag im Unternehmen und kenne den Laden in- und auswendig. Aber langweilig wird es nie.“

Eine Auszeichnung für den Filius

Als der gebürtige Kieler seine Ausbildung Mitte 1966 begann, trug die Firma noch den Namen ihres Gründers Ernst Pohl und hatte rund 100 Mitarbeiter. Heute sind es fast 600 – und einer von ihnen ist der Sohn von Hans-Jürgen Mertz. Der Vater ist mächtig stolz auf seinen Filius. Kann er auch sein: Der Zerspanungsmechaniker war schon in der Ausbildung bei Stryker aufgefallen und wurde 2013 von der Industrie- und Handelskammer Kiel als bester Azubi seiner Sparte ausgezeichnet.

Mein Job

Wie kamen Sie zu Ihrem Beruf?
Mein Vater arbeitete in der Firma und hat mich manchmal mitgenommen. Ich fand das alles sehr spannend und habe mich deshalb auf eine Lehrstelle beworben.

Was gefällt Ihnen besonders?
Da gibt es vieles: das gute Klima im Betrieb, die technischen Herausforderungen und die Möglichkeit, eigenständig zu arbeiten.

Worauf kommt es an?
Man sollte ein grundsätzliches Interesse für technische Dinge haben und immer offen sein für Neues.

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Stryker
Prof.-Kuentscher-Strasse 1-5
24232 Schoenkirchen / Kiel

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AKTIV im Norden April-Ausgabe 2017